Europäischer Filmpreis

Freundlich winken aus der Ferne

Nina Hoss hat den Europäischen Filmpreis gewonnen. Sie war zwar nicht einmal nominiert, aber irgendwie drängt sich der Eindruck doch auf. Bei der Verleihung des 24. European Film Award im Berliner Tempodrom haben nämlich, wie das bei anderen Preisen auch geschieht, sechs heimische Stars jene sechs Werke präsentiert, die in der Hauptkategorie Bester Film im Rennen waren. Aber am Ende wurde nicht, wie bei anderen Preisen, nur ein Kuvert geöffnet.

Alle sechs Stars kamen noch einmal auf die Bühne, alle durften ein Kuvert öffnen. Aber nur eine strahlte: Nina Hoss. Sie hatte Lars von Triers "Melancholia" präsentiert.

Der Euro kriselt, das Kino nicht

Die Europäische Filmakademie, die diesen Preis verliert, will, das sollte diese kleine dramaturgische Pointe demonstrieren, anders sein. Anders als Hollywood, wo der alles dominierende Oscar in der üblichen "And the winner is..."-Manier verliehen wird, wo es also nur ums Siegen oder Verlieren geht. Europa will aber auch anders sein als Europa. Als das politische Europa. Das haben der Akademiepräsident Wim Wenders, der Laudator Volker Schlöndorff und der Kulturstaatsminister Bernd Neumann an diesem Abend immer wieder aufs Neue betont. Europa sei eben mehr als eine rein monetäre Union, die nur aufs Geld schaue. Europa, das sei auch eine Kultur-Union. Und die versteht sich, anders als ihre politische Kaste, durchaus als eine große Familie.

Es ist eine feine Ironie, dass just im Jahr der größten Krise, die die EU je erlebt hat, ein Endzeitdrama zum Besten Film gekürt wurde. Eines, in dem ein riesiger Planet auf die Erde stürzt, was natürlich eine kräftige Metapher auf die Angst um den Euro ist. Auch zwei weitere Sieger-Film, die ebenfalls dänische Produktion "In einer besseren Welt" wie der britische Kostümfilm "The King's Speech" handeln letztlich von nichts anderem als der Frage, wie man in einer Krise bestehen soll. Alles Filme, die noch vor der EU-Krise gedreht wurden und doch als Sinnbilder darauf verstanden werden können.

Die Europäische Filmakademie hat in diesem Jahr klug gewählt. Kein Preisregen mehr wie im letzten Jahr für Polanskis "Ghostwriter". Vielmehr das Prinzip Gießkanne, das das ausgesprochen starke europäische Filmjahr in seiner ganzen Spannbreite wiederspiegelt. Und doch müssen sich die Akademiker diese Frage gefallen lassen: Wie anders, wie viel besser ist denn ihr Europa?

Ein Blick auf die Zuschauerzahlen sorgt hier für eine gewisse Ernüchterung. "The King's Speech" (der drei Preise bekam: Bester Schauspieler, bester Schnitt, Publikumspreis) haben in deutschen Kinos immerhin zwei Millionen Zuschauer gesehen, Wenders' 3D-Tanzrausch "Pina" (Bester Dokumentarfilm) eine halbe Million; Aki Kaurismäkis vier Mal nominierter aber leer ausgegangene "Le Havre" immerhin noch eine Viertelmillion. Aber der Beste Europäische Film, Lars von Triers "Melancholia" (Beste Ausstattung, Beste Kamera, Bester Film), kann gerade mal 200 000 Zuschauer verbuchen, "In einer besseren Welt" (Beste Regie) noch nicht einmal 50 000. Europa mag sich feiern in seiner Vielfalt und seiner Kunst; das Publikum interessiert sich aber doch erst mal für den heimischen Film - und dann lieber gleich für den Mainstream aus Amerika.

Und wie sieht es bei den Filmschaffenden selber aus? Weder die Beste Europäische Schauspielerin (Tilda Swinton) noch der Beste Europäische Schauspieler (Colin Firth) waren an diesem Abend anwesend. Beide sind bereits Oscar-Preisträger, und diese Trophäe haben sie selbstredend persönlich entgegen genommen. Der Weg von Großbritannien nach Los Angeles ist wohl kürzer als der von der Insel nach Berlin. Und mit Lars von Trier fehlte auch noch der große Favorit des Abends, dessen Film acht Mal nominiert war, doppelt so häufig wie seine Konkurrenten. Am Ende kam statt seiner seine Frau Bente Froge auf die Bühne. Sie hatte nicht einmal eine Dankesrede ihres Mannes dabei: "Er hat keine Nachricht für euch, weil er entschieden hat, keine Statements mehr zu geben." Er habe sie jedoch gebeten, "euch freundlich zuzuwinken." Immerhin.

Es ist das zweite Mal in Folge, dass der große Sieger des Abends nicht präsent ist. Dafür gibt es gute Gründe, gewiss. Vergangenes Jahr war es Roman Polanski, der, nach der Verhaftung und dem Hausarrest in der Schweiz, auf eine weitere Reise ins Ausland lieber verzichtete. Diesmal war es Lars von Trier, der von jeher für seine Reiseangst wie für andere Neurosen bekannt ist, der aber nach seiner unglücklichen Pressekonferenz in Cannes klug die Öffentlichkeit noch mehr meidet als zuvor.

Aber es spricht auch Bände, wenn von fünf nominierten Schauspielerinnen gerade mal eine im Saal sitzt (eine Russin). Und dass deutsche Laudatorinnen wie Schulmädchen kichern oder sich nicht für ihre Versprecher schämen. Als sprächen sie nur auf einem Klassentreffen. Und nicht vor 109 Nationen, in die die Preisverleihung übertragen wird.

Lernen vom großen Bruder Oscar

Da kann Europa, bei aller Abgrenzung, doch noch von seinem übergroßen Konkurrenten lernen. Den Oscar guckt jeder. Die Auserwählten verhalten sich entsprechend. Und ein amerikanischer Academy Award lässt auch einen Schlöndorff und einen Wenders nicht kalt. Am Europäischen Kino muss man nicht werkeln. Der steht, das hat dieses Jahr sehr deutlich gezeigt, trotz Krise bestens da. Zu werkeln ist aber unbedingt an der Öffentlichkeitsarbeit des Europäischen Filmpreises. Die Nominierten dürften die propagierte Familienbande ruhig etwas ernster nehmen und ein bisschen zahlreicher erscheinen. Sie sollten nicht nur aus der Ferne winken. Oder liegt es, siehe Berlinale, wieder mal nur am widrigen Wetter? Dann gäbe es immerhin Hoffnung. Im nächsten, seinem 25. Jahr wird der Europäische Filmpreis auf Malta verliehen.

"Er hat keine Nachricht für euch, weil er entschieden hat, keine Statements mehr zu geben"

Bente Froge über ihren Mann Lars von Trier