Tatort

Unser Dorf soll schöner morden

Dörfern im Hintertaunus ist alles zuzutrauen. Man kommt zum Glück schlecht hin, weil GPS-Geräte Probleme haben, diese Kleinöds zu finden. Gern liegen sie in Talkesseln. Die letzte Aktion von "Unser Dorf soll schöner werden" hat viele verpflasterte Straßen hinterlassen und verschandelte Fachwerkfassaden.

Verschworen ist die Dorfgemeinschaft. Schweigemauern, wohin man hört. Die Zeit steht still, totenstill. Wer hier lebt, kann schon mal schlechte Träume haben. Bizarre Träume. Kafkaeske Träume.

Wenn die dann "Tatort" werden, sieht das aus wie "Das Dorf", der von Justus von Dohnanyi inszenierte neue Fall des Wiesbadener LKA-Kommissars Felix Murot alias Ulrich Tukur. Als habe der illegitime deutsche Sohn von David Lynch nach Konsum einer Überdosis "Schirm, Charme und Melone" versucht, einen Edgar-Wallace-Film zu drehen. Mit Verstand ist dem kaum beizukommen und mit der Forderung nach Wirklichkeitsabbildung erst recht nicht. Die Vermessung einer ohnehin gelogenen gesellschaftlichen Realität würde Murot ohnehin schwerfallen. Er trägt einen überhaselnussgroßen, mit seinen Aufgaben wachsenden Tumor im Kopf, den Murot, wenn sie sich unterhalten, Lilly nennt und der immer wieder zu herrlichen Verwucherungen seiner kriminalistischen und allgemein menschlichen Fantasie führt.

Als Murot und Lilly im Dorf (Talkessel, Schweigemauern) ankommen, ist der Fall schon gelöst. Ein Mann wurde erschlagen, der Mörder hat sich praktischerweise selbst gerichtet. Als Murot am nächsten Morgen den Selbstmörder höchst lebendig durch die Mondlandschaft des Hintertaunus laufen sieht, wird es kompliziert und gespenstisch. Und für Murot fast tödlich.

Der hintere Taunus nämlich wird von einem jovialen Finsterling namens Bemering regiert, dem Thomas Thieme eine erhebliche Gert-Fröbe-Haftigkeit verleiht. Bemering thront im Schloss über dem Dorf, lässt sich von einem Ersatz-Kinski namens Dietrich im Adenauer-Mercedes herumkarren, hat einen exquisiten Wein- und einen nicht üblen Damengeschmack. Zu seinem Hofstaat zählen neben Dietrich (Tobias Langhoff) vor allem Frau Doktor Herkenrath (Claudia Michelsen), eine Ärztin mit viel Spaß am Totspritzen, und seine Mutti (gespielt von den Kessler-Zwillingen). Gern philosophiert Bemering über wertvolles und weniger wertvolles Leben. Wozu er eine besondere Einstellung hat, unter anderem weil er - mittels einer unterirdischen Geheimklinik seinen Abschnitt des Hintertaunus in Transplantanien verwandelt hat.

Es wird natürlich auch gemordet im Dorf. Wie im "Indischen Tuch" sieht das aus. Vor allem aber wird Absonderliches getrieben: Die Kesslers werfen (mit Tukur am Flügel) bemerkenswert gelenkig, aber natürlich nicht gleichzeitig alle vier Beine in die Luft und singen "Sag mir quando". Und auch Tukur darf tanzen: Im Frack und im Traum mit seiner tauben Nuss von Tumor im Arm wie weiland Chaplins großer Diktator mit der Welt-Kugel. Tukur rettet das Dorf vor dem Absturz in den reißenden Fluss der Klamotte, schafft es tatsächlich, einen Menschen aus dem Tumorträger zu machen. Trotzdem bleibt "Das Dorf" das Seltsamste, das in 40 "Tatort"-Jahren gedreht wurde. Aber ist das überhaupt noch ein "Tatort"? Vollkommen egal. Es ist schräg und finster und ein großer Spaß. Und es ist gut, dass so was geht.

Tatort: Das Dorf ARD, heute, 20.15 Uhr