Theater

Nicht ohne meine Familie

Wohin man blickt in der Berliner Theaterszene - die Theaterfamilien sind immer schon da: Katharina Thalbach steht mit Tochter Anna in "Der Raub der Sabinerinnen" auf der Kudamm-Bühne (wieder ab 9. Dezember).

Regisseur Leander Haußmann hat die Kostüme für seine Inszenierung von Ibsens "Rosmersholm" an der Volksbühne von seiner Mutter Doris entwerfen lassen. Auf der Bühne dabei: Haußmanns Lebensgefährtin Annika Kuhl. Dagmar Manzel und Robert Gallinowski, privat ein Paar, spielen in "Endstation Sehnsucht" am Berliner Ensemble. Inszeniert hat das Drama übrigens Thomas Langhoff, Vater des Schauspielers Tobias und des Regisseurs Lukas. Der wiederum hatte Premiere mit "Pauschalreise - Die 1. Generation" zum Spielzeitauftakt am Ballhaus Naunynstraße - jenem Haus, das seine Frau Shermin Langhoff leitet.

Wie kommt es zu dieser Verflechtung - gerade am Theater? Dass in Deutschland die meisten Paare am Arbeitsplatz zusammen finden, erklärt längst nicht alles. Eher hilft da ein Blick auf die besonderen Arbeitsbedingungen: Mit seinen Proben- und Vorstellungszeiten ist der Repertoirebetrieb so familienunfreundlich, dass man als betriebsfremder Partner schon viel Verständnis braucht, um den Zirkus mitzumachen. Vor allem aber ist Theaterarbeit Vertrauenssache. Man inspiriert sich gegenseitig, lernt voneinander. Wie Ulrich Khuon, Intendant des Deutschen Theaters (DT). Seine Tochter Nora ist Dramaturgin, sein Sohn Alexander seit 2005 am DT als Schauspieler engagiert. Als der Vater hier 2009 die Leitung übernahm, war der Sohn bereits ein Star vor allem in den Inszenierungen Jürgen Goschs.

"Wir tauschen uns viel aus", sagt Khuon, "weil wir alle drei besessen sind von der Lust, Theater machen zu dürfen". Von seinen Kindern hat er gelernt: "Von meiner Tochter vor allem durch Hinweise wie 'Lies mal das.'" Sein Sohn hat den Blick auf die Schauspieler verändert: "Das hat mir schon zu einem vertieften Verständnis bestimmter Seiten des Berufs verholfen. Natürlich weiß ich auch so, was Schauspieler zu leisten haben. Aber zuvor hatte ich beispielsweise unterschätzt, was es emotional heißt, sieben bis elf Rollen parallel parat zu haben."

Der Intendant hält sich raus

Ähnliche Erfahrungen hat Jorinde Dröse gemacht, Hausregisseurin am Maxim Gorki Theater. Sie ist mit dem Schauspieler Jörg Kleemann verheiratet. In Berlin haben sie in "Maria Magdalena" und bei einem kleinen Projekt während des Festivals "Reality Kills" zusammen gearbeitet. "Durch meinen Mann habe ich gelernt, wie viel Vorbereitung ein Schauspieler braucht", sagt Dröse, "wie viel er mit sich selbst beschäftigt ist, mit seiner Stimme, seinem Aussehen, seiner Gedankenwelt und seiner Unsicherheit." Das habe ihr auch als Regisseurin geholfen: "Nicht jeder Konflikt der Schauspieler auf der Probe hat etwas mit mir zu tun. Als Regisseurin bezieht man so was sofort auf sich. Jetzt kann ich damit gelassener umgehen."

Doch was ist mit Kungelei und Vetternwirtschaft? Schließlich sind die meisten Theater keine Familienbetriebe, sondern staatlich subventionierte Institute. Da ist Fingerspitzengefühl gefragt. "Ich versuche, mich bei den Besetzungen rauszuhalten, wenn es um Alexander geht", sagt DT-Intendant Khuon. "Es gibt ja auch konkrete Wünsche von Regisseuren und Schauspielern. Aber ich verfalle auch nicht in Schweigen, wenn ich das künstlerisch für richtig halte." Immerhin haben Intendanten und Regisseure ein Interesse daran, ihre Verwandtschaft nicht zu bevorzugen, damit das Betriebsklima stimmt. Wenn Alexander Khuon Drehwünsche hat, verhandelt er nicht mit seinem Vater, sondern wie die Kollegen mit dem Künstlerischen Betriebsbüro.

Am Deutschen Theater arbeiten auch Stephan Kimmig und seine Frau Katja Haß, er als Regisseur, sie als Bühnenbildnerin. Gemeinsam haben sie drei Kinder - und jede Menge Projekte: Nahezu jede Bühne einer Kimmig-Inszenierung stammt von seiner Frau. Das Resultat der Zusammenarbeit kann man sich am DT in Eugene O'Neills "Trauer muss Elektra tragen" oder in Gorkis "Kinder der Sonne" anschauen.

Eine Premiere bereiten gerade Edgar Selge und Franziska Walser vor: Am 10. Dezember gehen sie mit dem eigenen Goethe-Projekt "Iphigenie auf Tauris" am Maxim Gorki Theater an den Start. Walser spielt die Iphigenie, Selge alle vier männlichen Rollen. Das Paar macht beruflich oft gemeinsame Sache: "Ich freue mich immer, wenn wir zusammen arbeiten", sagt Selge, "weil sie eine tolle Schauspielern ist und wir uns gegenseitig nichts vormachen können. Wir kennen uns zu gut." Seit 1985 sind sie verheiratet, haben zwei Kinder und spielen, seit sie in Berlin ihren Zweitwohnsitz aufgeschlagen haben, auch hier. Beispielsweise am Maxim Gorki Theater in Jan Bosses Kleist-Inszenierung "Der zerbrochne Krug", wo er den Dorfrichter Adam gibt und sie Marthe Rull. Und auch Regisseur Bosse setzt auf die Familienbande: Seine Frau entwirft die Kostüme für seine Inszenierungen.

Familie, das wussten schon die griechischen Tragödienschreiber, ist die Grundlage für große Dramen.