Kunstsache

Briefe verschicken kann auch eine Kunst sein

Aus Cluj: Diese Worte sollten Sie sich merken. Die eher beschauliche rumänische Stadt Cluj hat sich in den letzten Jahren zur dynamischen Kunstmetropole entwickelt. Cluj ist jetzt das neue Leipzig. Es gibt sogar schon das passende Label dazu: "Cluj School of Painting"; das klingt nicht zufällig nach "Neuer Leipziger Schule." Wenn mir also jemand eine Einladung zu "Malerei aus Cluj" schickt, schaue ich mir das an. Es könnte ja sein, dass da ein neuer kleiner Neo Rauch ausstellt. Was Simon Cantemir Hausì angeht, bin ich mir noch unschlüssig. In seiner ersten Einzelausstellung in Deutschland, in der Galerie Barbara Thumm, zeigt der rumänische Künstler Gemälde, die auf Vorbilder wie Luc Tuymans oder Gerhard Richter verweisen. Oft tauchen Figuren in Trachten oder anderen folkloristischen Anmutungen auf. Manchmal sind die Gesichter übermalt. Obwohl mich Tierbilder nicht automatisch begeistern, gefiel mir das Porträt eines Löwen. Er wirkte ziemlich "richteresk"; nur, dass Hausì den Effekt der Unschärfe nicht durch kontrollierte Borstenführung, sondern durch wilde Pinselhiebe und Stielkratzer erzeugt. Das sah schon virtuos aus.

(Bis 21. Dezember, Markgrafenstraße 68, Kreuzberg.)

Auch Raj Johnson war mir vorher kein Begriff. Das ist ein Versäumnis, ich gebe es zu, denn er hat wirklich Kunstgeschichte geschrieben. In der New Yorker Kunstszene der Sechziger kannte ihn jeder. Das lag vor allem daran, dass er Briefcollagen an alle wichtigen Leute verschickte, ob sie nun wollten oder nicht. Seither gilt Johnson als Begründer der Mail Art. Die Galerie Aurel Scheibler zeigt einen Ausschnitt seines Schaffens, aufgrund der Fülle des Materials kann es nur ein sehr kleiner sein. Trotzdem ist allein eine Wand mit künstlerischen Postsendungen gefüllt. Audrey Hepburn ist in einer zu erkennen. In einem zweiten Raum hängen Johnsons Collagen auf Karton, die er "Moticos" nannte und ebenfalls berühmten Menschen widmete: "to Andy Warhol", "to Max Ernst". Die Arbeiten bleiben ambivalent, Johnson pflegte augenscheinlich private Obsessionen. Es ist keine Kunst, die sich leicht entschlüsseln lässt. Unbedingt sehenswert ist die Ausstellung dennoch.

(Bis 28. Januar,, Charlottenstraße 2, Kreuzberg)

Briefe scheinen ein beliebtes Medium in der Kunst zu sein. Auch Marcel Odenbach arbeitet damit. In seiner Ausstellung "Sportbefreit" in der Galerie Crone hängen mehrere Collagen, in denen er stereotype Bilder von afrikanischen Sportlern und Rappern zusammenmontiert hat. Die drei Streifen eines Sportartikelherstellers, der einen gewissen Kultstatus genießt, tauchen auf. Auf diesen Streifen sind Versatzstücke aus Briefen an den Künstler geklebt. Odenbach hat wohl jemandem in der Ferne Geld geliehen, als dieser krank war, jetzt bekommt er es nicht zurück, der andere entschuldigt sich für gebrochene Versprechen. Schon das hat mich neugierig gemacht auf diese Ausstellung, in der es um Vorurteile und Klischees geht und wie man sie am leichtesten aushebelt.

(Bis 22. Dezember, Rudi-Dutschke-Straße 26, Kreuzberg)

Jeden Sonntag schreibt Tim Ackermann, Kunstkritiker der Berliner Morgenpost, über Berlins Galerien