Gesine Danckwarts Bar "Chez Icke"

Der Klügere kippt nach

Hübsch sieht sie aus in ihrem Retro-Schick, die kleine Bar in der Kreuzberger Markthalle IX: Über der vergilbten und dennoch unberührt neuen Tapete verdrehen zwei Pferdeköpfe wiehernd die Augen, der Tresen ist nüchtern, die Gäste sind's nicht mehr, weil sie offenbar dem Motto an der Kreidetafel folgen: "Der Klügere kippt nach."

Über allem werden die Liveticker-Eindrücke der "Nachtlebenreporterin Jackie A." projiziert, die mit weißer Lockenperücke und MacBook in einer Ecke hockt, zum Beispiel: "22.440001 uhr lächelnde gesichter - überall. die eindrücke verschwimmen."

Wir stehen im "Chez Icke", einer temporären Bar, die die Wiederauferstehung der Eckkneipe feiert (offensichtlich sind die Macher länger nicht in den Randbezirken Berlins gewesen) und damit spielt, irgendwie auch Theater zu sein. Vor allem aber besetzt sie eine Marktlücke: Die Dramatikerin Gesine Danckwart und ihr Team werden ordentlich dafür gefördert, in der Kreuzberger Markthalle noch bis Silvester die medialen Grenzen zu sprengen. Denn wer sich unter www.chez-icke.com als Gast registriert, kann am Chat teilnehmen und den so genannten BARvataren sagen, wo's langgeht.

Jedenfalls, nachdem die gut halbstündige Eröffnungsperformance vorbei ist: Zuerst singt Regisseur Patrick Wengenroth als schmieriger Barde mit Schnauz und in enger Türkishose "Hier in der Kneipe fühl ich mich reich", Gesine Danckwart verliest küchenphilosophische Worte, dann wird die Frontwand der magentafarbenen Holzbox aufgeklappt. Ex-Volksbühnenschauspielerin Anne Ratte-Polle beschwert sich als pöbelnder Gast darüber, dass nicht geraucht werden darf (später tut sie's doch, während die echten Gäste nach draußen geschickt werden), Dankwart scheitert daran zu erklären, was "Chez Icke" ist (vielleicht "die Hölle der eigenen Gedanken, in die nie jemand nicht rein kommt, den man nicht kennt"?) und verliest eine Passage aus Peter Sloterdijks "Du musst dein Leben ändern".

Überhaupt neigen die Gäste des "Chez Icke" zum Monologisieren, wenn sie nicht gerade ein weiteres Lied anstimmen. Wie Anne von Keller, das Modell mit Schauspielkarriere, die sich zunächst als Barfrau ankündigt und dann mit ihrem "Sorry Gilberto"-Partner Jacob Dobers "I've lost my memory" singt. Dann ist die Bar auch fürs Volk geöffnet, jetzt passiert nichts, außer trinken (das Bier zu zwei Euro, "Wodka Oh" für drei, beim ersten Getränk gibts als indirekten Eintritt drei Euro Kulturaufschlag) und reden, und wer keinen Gesprächspartner hat, der muss sich einen suchen. Paolo etwa, der Architekt aus Neapel, sieht nicht durch, was das Ganze soll, interessiert sich aber mindestens so sehr für die 120-jährige Halle, deren eine Hälfte von Aldi und Kik besetzt wird, deren andere Hälfte aber seit einigen Wochen wieder als Markt dient - weil eine Bürgerinitiative dafür gekämpft hat. Auf dem Weg zum Klo erzählt eine kleine Ausstellung davon. "Chez Icke" will die Macher mit etwas Aufmerksamkeit unterstützen.

Das klappt schon insofern, weil jetzt erst mal nicht viel passiert. Anne Ratte-Polle zischt als Avatar durch die Menge. Auf ihrem rosa glitzernden Cowboyhut ist eine kleine Kamera befestigt. In ihr Mikro flüstert sie: "Input, Input". Später behauptet sie, dass die Befehle aus dem Internet tatsächlich funktionieren: "Ich suche eine Irene mit kurzen blonden Haaren". Später legt Wengenroth noch mal mit Schlagern und Deutschrap los, Marcus Reinhardt, ein weiterer BARvatar, versucht die Stimmung mit Zwischenrufen aufzuheizen. Die Party ist im vollen Gange, erreicht aber nicht alle. Auch zu Hause am Computer nicht, wo ich mich noch schnell einlogge: Kurz nach Mitternacht quittieren die Barvatare schon ihren Dienst; was bleibt, sind zwei Ansichten einer kleiner werdenden Feiermenge.

Das Problem an "Chez Icke": Es besitzt den Reflexionsgrad eines Abischerzes. In Berlin gibt es (noch) viele Nächte und Ecken, wo alles möglich zu sein scheint: Dragqueens kultivieren schlechte Kunst und schlechte Laune, Hobbypoeten slammen für den Durchbruch, Eckkneipensänger proben mit kleiner Stimme für Minuten die große Leidenschaft. Wenn man da zufällig hineinstolpert, fühlt sich das großartig an. Kann man so was inszenieren? Kaum. Und so wirkt "Chez Icke" in seiner Avatar-Seligkeit wie gemacht für Leute, die sich auch sonst nicht trauen: Tut nicht weh, ist ja alles nur gespielt.

Markthalle IX, Pücklerstraße 34, Kreuzberg. Bis 31.12. immer donnerstags bis samstags ab 21 Uhr (außer 23. und 24.12.). Eintritt frei. www.chez-icke.com