Sunwook Kim

Pianist mit keuscher Virtuosität

Es ist schon wahr, sehr prägnant ist das einzige Klavierkonzert von Antonin Dvorak nicht ausgefallen. Aber es besitzt Würde, Anmut, Leichtgängigkeit. Es versteht, dem Publikum zu gefallen. Dennoch hat es die Konzertwelt vernachlässigt und unter den Tisch ins Vergessen geschoben.

Nun aber zog es Chefdirigent Marek Janowski mit seinem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin wieder ans Licht. Über ein halbes Jahrhundert hindurch hatte das Orchester das Werk nicht mehr gespielt.

Prompt klang es wie eine entzückende Uraufführung und wurde herzlich gefeiert. Das war natürlich auch das Verdienst des ausgezeichneten jungen koreanischen Pianisten Sunwook Kim mit seinen wie beflügelten Händen. Sie bescherten dem Stück, in seiner Urfassung ohne das ihm später aufgedrückte virtuose Klimbim, seine gradlinige, schier keusch zu nennende Ursprünglichkeit und Delikatesse. Kein Wunder, dass das Publikum nicht nur Dvorak lieb gewann, sondern auch seinen hervorragenden Interpreten. Anschließend wurde es dann im wahrsten Wortsinn todernst. Janowski dirigierte Tschaikowskis 6. Sinfonie, die nach wie vor unglaubliche "Pathétique", die geradezu wie mit wehenden Fahnen in den Tod zu marschieren scheint.

Janowski verstand es denn auch, mit einer einzigen schier imperialen Geste, den nach dem 3. Satz sonst geradezu zwangsweise hervorbrechenden Beifall zu unterbinden und das "Adagio lamentoso" des Finales direkt anzuschließen: diesen geradezu verlöschenden Schluss-Satz, der Abschied zu nehmen scheint von einer nicht gerade herzlichst geliebten Welt.

Tschaikowski ist eine knappe Woche nach der Uraufführung des Werkes, die er noch eigenhändig dirigiert hatte, einundfünfzigjährig verstorben. Sein überraschender Tod setzte Rätsel auf. Sie scheinen in der "Pathétique" vorab weiter zu klingen. So jedenfalls legte Janowski seine großartige, sich geradezu hinwuchtende, dann in überwältigender Trostlosigkeit verlöschende Interpretation an. Auch sie wurde gefeiert.