Vincent Peters

"Modefotografen sind Chronisten der Eitelkeit"

Mit seinem Vier-, vielleicht Fünftagebart und der mit Bedacht durchwühlten Frisur lümmelt Vincent Peters in der Couch. Unter dem sorglos geknöpften Hemd schlängelt sich ein Tattoo seinen Weg. Trotz Jeans und Jackett umgibt ihn unweigerlich das Flair eines nonchalanten Beachboys - zuweilen bricht sein norddeutsch-näselnder Dialekt durch.

Vincent Peters hat Topmodels wie Linda Evangelista abgelichtet, Popstars wie die irische Band U2 ins rechte Licht gerückt und Schauspielerin Charlize Theron als den Inbegriff sinnlicher Verführung dargestellt. Seine Fotostrecken erschienen unter anderem in der Elle, GQ und Vogue. Ganz wie die Mode selbst ist auch die Star- und Modefotografie längst nicht mehr bloßer Kommerz, sondern hat sich als eigenständige Kunstform etabliert, ist sogar museumsfähig geworden.

Ersten künstlerischen Freiraum haben ihr Fotographen wie Man Ray mit seinem surrealistischen Ansatz bereits in den Zwanziger- und Dreißigerjahren verschafft. Richard Avedon inszenierte Mode in den Fünfzigerjahren als einer der Ersten in natürlicher, alltäglicher Umgebung. Tabuthemen erhielten in den Siebzigerjahren ästhetische Berechtigung: Helmut Newton provozierte mit seinen voyeuristischen und pornographischen Motiven. Peter Lindbergh besann sich in den 90ern schließlich zurück auf die klassische, puristische Schwarzweißfotografie. Heute prägen Mario Testinos exklusive und hoch stilisierte Fotografien sowie das skurril-farbschrille Werk von David LaChapelle die Landschaft der Star- und Modefotografie.

Geschult an Schwarzweiß-Filmen

In dieser Reihe erscheint Vincent Peters geradezu als Bewahrer einer klassischen Ästhetik - und scheut doch ihre experimentellen Möglichkeiten nicht. Stilistisch bewegt er sich in paradoxer Eigenart zwischen Mario Testino und Peter Lindbergh, zwischen hoher Stilisierung und Natürlichkeit. Seine Fotografien sind oft szenisch und erinnern an den Hollywood-Glamour der Vierziger- bis Sechzigerjahre. Geprägt durch die Fernsehkultur seiner Kindheit, so erklärt Peters es sich selbst. Denn als Achtjähriger hat der 1969 Geborene im heimischen Bremen über das öffentlich-rechtliche Fernsehen Schwarzweißfilme en masse auf sich einwirken lassen.

Auch, wenn Vincent Peters es langweilig findet, "schöne Frauen nur schön zu fotografieren": Seine Aufnahmen sind es einfach, durchweg schön. "Alles, was man für ein schönes Foto braucht, ist ein Modell und das richtige Licht": Sein puristisches stilgebendes Motto, denn "in einem anderen Licht erscheint derselbe Mensch stets anders."

Hin und wieder gelingt es Vincent Peters, die hohe Konstruktion seiner Arbeiten durch Ironie und Humor zu unterlaufen. Etwa, wenn er den Charakterdarsteller John Malkovich in fast epileptisch anmutenden Posen darstellt. Oder wenn er mit dem konventionellen Beauty-Motiv bricht: So lichtete er Model Helena Christensen ab, wie sie sich ihre Haare in verspielter Manier zu einen Damenbart unter die Nase hält.

Doch Vincent Peters versteht sich nicht als Künstler: "Ich bin einfach Fotograf." Aus diesen Worten spricht keineswegs Resignation. Es geht Vincent Peters nicht darum, den Betrachter durch seine Bilder etwa zur Sozialkritik anzuregen. "Als Modefotograf bin ich ein Chronist der Eitelkeit." Eitelkeit möchte er aber nicht negativ verstanden wissen, nicht mehr als Todsünde. Für Peters ist Modefotografie trotz ihrer hohen Stilisierung interessant, da sie die Idealvorstellungen unseres Jahrhunderts transportiert und fixiert. Er versteht sich als derjenige, der im Hintergrund agiert, der die Menschen trifft und fotografiert, die die Sehnsüchte der modernen Gesellschaft definieren: Die Celebrities, die Gefeierten unserer Zeit.

Druck der Digitalisierung

Nach etwa 14 Jahren im Geschäft möchte er sich die Freude an seinem Job bewahren, das ist sein erstes Ziel. Es klingt etwas ängstlich und ehrlich, wenn er erzählt, dass er sich in der Branche, die in ihrem Trendbewusstsein stets nach Neuerungen schreit, unter Druck gesetzt fühlt. Weil er nicht auf den Zug der digitalen Fotografie aufspringen, sondern seinem Stil treu bleiben und analog fotografieren möchte: "Ich bin plötzlich schwieriger", sagt er bedrückt "ein sturer, schwieriger Fotograf."

Eine Auswahl von Vincent Peters Fotografien ist bis zum 14. Januar unter dem Titel "Locked in the arms of a beautiful life" im Contributed, dem Berliner Studio for the Arts, zu sehen. Dem Titel nach verspricht die Ausstellung eine doppelte Würdigung der Schönheit - als goldenem Käfig.

Contributed, Strausberger Platz 16, Friedrichshain Tel. 847 123 910