Castingshow "The Voice"

Außer Stimme nichts gewesen

Dick, zu dünn, wunderschön, Mutter tot, vom Freund verlassen, vom Vater geschlagen. All das, glaubt man den Machern der neuen Castingshow "The Voice of Germany", spielt bei der Auswahl der Gesangstalente keine Rolle. Der Zuschauer erfährt natürlich in kleinen Einspielern vor dem Auftritt des Aspiranten, um wen es sich handelt: Familie, Kinder, pleite, schon mal Musicalstar gewesen, letzte Chance, und so weiter.

Aber die Jury, die weiß angeblich nichts. Und sieht ansonsten auch nichts. Hört nur. Wen? Die Stimme. Und um die soll es ausschließlich gehen. Doch lässt sich ein solch künstlerischer Anspruch wirklich durchhalten?

Zwei Folgen sind schon gelaufen, zuerst auf ProSieben und dann auf Sat.1. Quotenmäßig wurde gejubelt. Auch in dieser Show wird mit sehr aufwendigen Mitteln versucht, den Traum vom wahren Künstlertum zu bedienen. Gesucht wird die Perle, die One-in-a-million-Stimme, Phönix aus der Asche. Jemand, der die Musikszene aufmischt. Das Neue.

Das Konzept: Die Jury, Nena, Xavier Naidoo, Rea Garvey (Sänger der Band Reamonn) und zwei Mitglieder der Countryband "The Boss Hoss", sitzen mit dem Rücken zur Bühne, und drücken auf einen Buzzer, was auch sonst?, wenn das Gehörte gefällt, und der Singende eine Runde weiterkommen soll. Das sind die sogenannten "Blind Auditions" und davon soll es noch vier weitere geben, bis jedes Jurymitglied 16 Talente zu seinem Team zählen kann.

Nur noch für vier Shows blind

Und dann?, muss sich der Sender fragen lassen, der mit Slogans wie "Mehr Musik geht nicht!" und "It's nothing but the voice! (zu Deutsch: Nichts außer der Stimme) wirbt. Nach den Blind Auditions wird nämlich wieder hingeschaut, kommt zum Gesangstalent auch Aussehen, Ausstrahlung und Attraktivität dazu, und natürlich muss davon ausgegangen werden, dass die Jurymitglieder auch über den familiären Hintergrund ihrer Kandidaten Bescheid wissen. Und natürlich Sozialpunkte vergeben werden.

Rea Garvey von "Reamonn", der zuletzt noch behauptete: "Die Tatsache, dass wir mit unseren Rücken zum jeweiligen Sänger sitzen, hat einen großen Vorteil: Wir

werden durch nichts von seiner Stimme abgelenkt.", hat schon Recht. Aber eben nur für die Blind Auditions. Danach geht alles seinen alten Gang. In etwas variierter Form treten wie bei den anderen Castingshows wie "The X Factor" (Vox), "Popstars" (ProSieben) oder "DSDS" (Sat.1) die Kandidaten gegeneinander an. Und auch wenn Nena und Xavier Naidoo noch so nett sind und sich vom Kritik-Niveau her eher an Till Brönner und Sarah Connor (beide Jury von "The X Factor") orientieren, die vom Sender als Qualitätsmerkmal ausgegebene scheinbare Objektivität werden sie nicht wahren können.

Auch sie werden Sätze sagen wie "Du, ich bin heute wirklich enttäuscht von dir" oder "Dein Outfit ist echt superlecker" oder "Du, bewegst dich wirklich so was von schlecht". Denn auch zu "The Voice" gehört das Ziel, einen Star zu finden, oder mindestens "Deutschlands beste Stimme". Da zählt natürlich auch die Optik. Und wie wichtig die ist, zeigte sich manchmal an der Verfinsterung im Gesicht des Jurymitglieds, wenn er gebuzzert hat, und gesehen hat, welcher häßliche Vogel da vor ihm steht.

Ein fairer Start und danach?

Das richtige Berufsleben, bei dem Frauen und Migranten bei Bewerbungen oft schlechtere Chancen haben, belegt die Beeinflussung von Geschlecht, Optik und Status. Erste Versuche, diesem Phänomen zu begegnen, gab es bereits in den 70er-Jahren in den USA. Bewerber für ein Symphonieorchester spielten hinter einem Vorhang vor. So wussten die Entscheider nicht, ob es sich um einen Mann oder eine Frau handelte. Die Frauenquote hat sich danach im Orchester wesentlich erhöht. Gut, wenn man so will, ist das schon mal ein fairerer Start in eine Castingshow als bisher. Und der ist sehr gelungen gewesen. Stammt die Sendung doch auch aus der Feder von niemand Geringeres als John de Mol, dem Holländer, der bereits Quotenhits wie "Wer wird Millionär?" oder "Big Brother" in die weite Welt verkauft hat. Laut dem Magazin Forbes gehört er mit einem geschätzten Vermögen von zwei Milliarden US-Dollar zu den 1000 reichsten Menschen der Welt. Doch noch vier Folgen, dann ist das Neue auch schon wieder vorbei.

Aber wenn man mal ehrlich ist, man müsste ProSieben-Sat. 1 fast romantische Ideale unterstellen, wenn es wirklich darum ginge, Deutschlands beste Stimme zu finden. Denn nichts ist wahrer, als dass sich bisher kein deutscher Castingshow-Gewinner zum erfolgreichen Plattenverkäufer entwickelt hat. Ok, bis auf Mark Medlock, aber der ist auch längst wieder weg. Und das ist dann das Traurige, dass sich nun auch so ernsthafte, erfolgreiche Musiker wie Nena, ja und auch Xavier Naidoo, für so eine Show hergeben. Zu Statisten, zu zusammengerührten Zutaten eines Quotenhits werden. Auch wenn es nach den ersten sechs Staffeln so normal wie bei den anderen Castingshows bei "The Voice" weiter gehen wird. So verrät uns diese Show doch zumindest ein paar andere Wahrheiten. Musikalisch haben sich Nena, The Boss Hoss, Rea Garvey und Xavier Naidoo längst aufgegeben. Wie Großeltern im alten Lehnstuhl sitzen sie da und feuern die junge Garde an, aus der doch nichts werden wird, weil sie nur eine Reproduktion des bereits Dagewesenen, der Jury-Stars, sein können.

Und Nena und Co. merken nicht einmal mehr selbst, dass sie ihren Zenith bald überschritten haben. Wie altes Gemüse, das bald nicht einmal mehr gut genug für den Resteeintopf ist. Das ist traurig.