London

Ken Russell, der große Exzentriker des Kinos, ist gestorben

Er war ein Meister der Provokation. Wer in seine Filme ging, musste sich auf einiges gefasst machen.

Das Wort "exzentrisch" mag ausreichen, um Monty Python oder typisch britischen Humor zu bezeichnen. Für das Kino, das Universum von Ken Russell greift es zu kurz. Der Filmregisseur, 1923 in Southampton geboren, begann bei der BBC ganz brav mit Filmbiographien über Elgar oder Debussy. Aber dann kam die Popkultur und die Sexrevolution, und Russell wurde so etwas wie ihr filmischer Hohepriester.

Ob seine D. H. Lawrence-Adaption "Liebende Frauen" oder die Huxley-Verfilmung "Die Teufel": Immer wusste er wüst zu provozieren mit seinen gewaltigen Bildorgien, in denen er sich lustvoll an seinen Lieblingsthemen Sex, Religion und menschliche Obsessionen abarbeitete. Ken Russell war so was wie die britische Antwort auf Italiens Fellini. Jeder Film ein Affront, eine Kampfansage gegen den (vermeintlich) guten Geschmack, gegen Biedermeier, Pharisäer und Kleingeist. Auch seiner zweiten Leidenschaft, der klassischen Musik, frönte er mit genialisch-skurrilen Werken wie "Mahler", "Lisztomania" oder "Tschaikowski - Genie und Wahnsinn", die nun gar nicht mehr brav waren und die Götter der Musik lustvoll demontierten. Sein populärstes Werk wurde 1975 seine Verfilmung des "Tommy"-Musicals von The Who. In jener Zeit waren seine Filme Kassenmagnete - auch wenn sie oft Kontroversen und manchen Zensureingriffe auslösten.

Als in den achtziger Jahren eine neue Konservativität einsetzte und eine jüngere TV-Generation, diesmal vom Privatsender Channel Four, dagegen revoltierte, passte Russell nicht in dieses New British Cinema. Er folgte weiter seinen irrwitzigen Filmfeuerwerken, obwohl es zunehmend schwerer für ihn wurde, dafür Geldgeber zu finden. Auch das hatte er mit Fellini gemein. Nun ist Ken Russell am Sonntag im Alter von 84 Jahren in London gestorben. Und so ganz anders, als man das aus seinen Filmen erwarten durfte, soll er friedlich eingeschlafen sein, mit einem Lächeln auf den Lippen. Das britische Kino wird ärmer sein ohne ihn.