Komische Oper

Flamenco in Trümmerbergen

Jeder kennt Carmen und nennt sie vertraulich beim Vornamen. Wie Don José mit Nachnamen heißt, deckt jetzt in der Komischen Oper verdienstvollerweise der Regisseur Sebastian Baumgarten auf. José heißt kurz und knapp, wenn auch nicht sehr singbar, José Lizzarabengoa.

Den Namen wird man sich merken müssen. Wenn man kann. Aber im Grunde ist es auch gar nicht nötig. Baumgarten krempelt so viel in Bizets wahrhaft unsterblicher Oper um, dass es sowieso ein wenig schwer fällt, dem Handlungsablauf zu folgen. Baumgarten ist offenkundig in Filmvorlagen vernarrt. Wer sie nicht kennt, kommt höchstens mit dem Schrecken, aber nicht tieferer Einsicht davon.

Da helfen auch die gesprochenen, von Baumgarten entworfenen Dialoge nicht viel weiter. Hübscher ist es schon, wenn die Gitarren von Royko Schlee und Zamná Urista-Rojas erklingen, sie beschwören immerhin Spanien herauf aus den sonst weit verbreiteten Trümmerbergen, durch die nun statt durch die Wälder die Schmugglerkolonne zieht, die sich bei ihrem verbotenen Handwerk sogar eines unübersehbaren Lastwagens bedient.

Zitate aus dem Kino

Nichts ist mehr wie im gemütlich umtriebigen 19. Jahrhundert. Diese "Carmen" gehört einer neuen Zeit an, bedient sich dabei aber selbstverständlich der altüberlieferten Musik von Bizet. Die zu hören, ist man schließlich gekommen. Bizets "Carmen" unterscheidet sich freilich deutlich von der farcenhaften Baumgartens. So will es scheinbar die neue Zeit.

Baumgarten nimmt fraglos die Bezeichnung "opéra comique" wörtlich. Komisch ist in Bizets "Carmen" so gut wie nichts, abgesehen vom Schmuggler-Quintett im 2. Akt, diesem köstlichen Überredungsmoment der kriminellen Unternehmer zum Bösen. Doch halt, Abwechslung muss sein: Ganz ohne Heilige kommt die Oper nicht aus. Überraschend erscheint Micaela, das unschuldige Dorfmädchen, zur überirdischen Erscheinung hochfrisiert. Sie taucht auf, einen üppigen Goldreif im Haar, von reicher blauer Seide umweht, als wäre sie, die angemessen brav singende Ina Kringelborn, die Himmelskönigin in Person, die da trostreich dem verrotteten, verslumten Sevilla erscheint. Thilo Reuther hat die Stadt offenbar aus Inarritus Film "Biutiful", dessen Plakat an der Seite hängt, kopiert.

Nur im Schlussbild beschert Reuther dem Publikum wenigstens einen Blick auf den Eingang zu einer hochmodernen Arena, vor deren weitgeöffnetem Tor, der schon erwähnte Lizzarabengoa Carmen erst vergewaltigt und dann mit neun Messerstichen ermordet. Der Vorhang fällt - unter unverstört lebhaftem Beifall. Vielleicht hätten die Herren Autoren Meilhac, Halévy und Bizet ein bisschen gebuht, wie es ja im Opern-Berlin der Brauch ist. Nur eben in der Komischen Oper nicht. Felsensteins Erbe steht, was auch immer geschieht, offenbar nach wie vor unter Denkmalsschutz.

Dabei fegt die Aufführung musikalisch gleich mit äußerster Schwungkraft los und zeichnet ein schier überschäumendes Spanien hin. Als frischer, fröhlicher Einspringer für den abgewanderten Dirigenten hat der junge Yordan Kamdzhalov das Pult okkupiert und zeigt nachdrücklich, was er kann. Es gelingt ihm, die Musik aus dem Stand mitreißend hochzuputschen. In den lyrischen Intermezzi bleibt er freilich hinter Bizets Melodienreichtum zurück. Dieser Verlust an einschmeichelnder Intensität trocknet leider die Aufführung aus und lässt sie leicht krawallig erscheinen. Man darf gar nicht daran denken, wie vor 60 Jahren der unvergessene Otto Klemperer unter Felsensteins Leitung "Carmen" an der Komischen Oper dirigierte.

Dabei hat das Werk in Stella Doufexis eine betörende Darstellerin der Hauptrolle. Sie ist eine bezaubernd anzusehende und anzuhörende Carmen, die Tonleiter hinauf bis zu den hohen Stöckelschuhen und wieder hinunter. Sie weiß stets und ständig aufs Neue zu überraschen. Man gönnt ihr von Herzen eine Aufführung, in der sie inszenatorisch nicht fortgesetzt bevormundet wird. Doufexis ist wahrhaft eine singende Schauspielerin, ihrer künstlerischen Aufgabe bis auf den Grund sicher. Sie ist die Verführung in Person, dabei allerdings auch wieder nicht besonders wählerisch. Das ist ihr psychisches Manko. Denn was Carmen für ein Wesen ist, wird knapp drei Stunden lang keinen Augenblick deutlich. Warum macht sie mit bei den Ausflügen ins Schmuggelgewerbe? Mit wem ist sie befreundet? Warum arbeitet sie in der undefinierbaren Fabrik? Einzig vielleicht, weil sie nicht wie die beifallsüberschüttete Ana Menjibar virtuos spanisch zu tanzen versteht? Die Menjibar gibt mit ihrem eleganten und stürmischem Können einen tiefen Einblick in das, was der Aufführung fehlt: Natürlichkeit, Beiläufigkeit, Gottvertrauen.

Nicht alle Rollen gut besetzt

Timothy Richards singt mit kräftigem, wohllautendem Tenor den Don José, ob der nun Lizzarabengoa heißt oder auch nicht. Das scheint ihn auch nicht weiter zu interessieren. Eher schon, vor dem riesigen Vorgesetzten Zuniga, den Jens Larsen ragend verkörpert, immer rechtzeitig zu kuschen. Stimmlich braucht er das jedenfalls nicht. Ariana Strahl und Karolina Gumos sind mit Anstand die beiden Freundinnen Carmens, die ihr Duett anmutig zu singen verstehen. Günter Papendells Torero singt seine berühmte Stierkämpfer-Arie, ohne allerdings stärkeren Nachhall dafür zu finden. Nicht alle Rollen sind an diesem Abend zufriedenstellend besetzt. Das Einzige, was sich um künstlerischen Nachdruck bemüht, ist die Inszenierung. Wenn vor der Pause der schwarze Vorhang mit der großen, weißen Projektionsfläche fällt, steht darauf in Großbuchstaben: "Fortsetzung folgt". Ach, bitte nicht.