Stasi

Die Akte Artur Brauner

Der Lebenslauf trägt das Datum 20. März 1948 und wurde auf Polnisch verfasst. Nach dem Krieg, so Artur Brauner, der Autor des Dokuments, "begann die Suche nach meinen nahen Angehörigen und nach meiner Verlobten, über die ich erfahren hatte, dass sie nach Deutschland deportiert worden war. Ich beschloss, sie zu finden, was mir am Ende gelungen ist, und ich heiratete sie."

Auf dem Schriftstück macht jemand eine handgeschriebene Anmerkung: "Das heißt, er ist wahrscheinlich aus Polen geflüchtet."

Die Zitate stammen aus der polnischen Geheimdienst-Akte des Berliner Filmproduzenten Artur Brauner. Sie liegt unter der Nummer IPN BU 01136/413 im Archiv der Akten der einstigen Staatssicherheit, dem Institut des Nationalen Gedenkens (IPN), in Warschau. Weitere Meldungen, die Brauner betreffen, sind in den Akten der Regisseure Andrzej Wajda und Aleksander Ford zu finden. Daraus ergibt sich eine bisher unbekannte Geschichte eines Filmemachers, der in seinem Heimatland jahrelang im Visier der Staatssicherheit war.

Brauner, Jahrgang 1918, wächst im polnischen Lodz auf, macht dort Abitur und arbeitet bis zum Kriegsausbruch in der Baufirma seines Vaters. Unter der Nazi-Besatzung ist er "Zeuge von Gräueltaten und Brutalität", wie in seinem Lebenslauf von 1948 zu lesen ist. Die jüdische Familie Brauner flüchtet 1939 nach Lemberg (heute Lwiw). Brauner überlebt den Krieg in der Sowjetunion. 1945 kehrt er in seine Heimatstadt Lodz zurück und versucht sein Glück als Strumpffabrikant. In diesem Zeitraum "genoss er, was Moral angeht, einen guten Ruf. Seine politischen Ansichten hat er nicht manifestiert", notiert die Staatssicherheit. Das Nachkriegspolen ist kein guter Ort für einen Geschäftsmann. Die Kommunisten festigen ihre Macht. Die Industrie wird enteignet, der private Handel schikaniert. Brauner überlegt, in die Vereinigten Staaten auszuwandern, zieht 1946 schließlich nach West-Berlin und heiratet dort. Sein Bruder Wolf kommt ebenfalls in die Stadt.

In Berlin gründet Brauner die CCC, eine Filmproduktionsfirma, die in den folgenden Jahrzehnten mit über 200 Filmen das Kino prägen wird. Seine Karriere bleibt auch der polnischen Staatssicherheit nicht verborgen. Ein gewisser "Arba", vermutlich Mitarbeiter der polnischen Militärmission in Berlin und zugleich Geheimdienstler, meldet im Dezember 1951, Brauner habe gute Kontakte in die gesamte westliche Welt. "Wenn wir in Brauners Unternehmen unseren Mann installieren könnten, dann, glaube ich, wäre unsere Arbeit besser, als sie jetzt ist", schlägt "Arba" vor. Die Staatssicherheit macht Brauners Bekannte in Lodz und Krakau ausfindig. Diese Überwachung hat einen Grund: Das polnische Ministerium für Öffentliche Sicherheit (MBP), Abteilung VII (Nachrichtendienst), überlegt zu diesem Zeitpunkt, Artur Brauner und seinen Bruder Wolf als IMs zu gewinnen. Als Belohnung kämen so genannte Konsularpässe in Frage, die beiden das Reisen nach Polen erleichtert hätten. Die Idee wird jedoch 1954 aufgegeben. Artur Brauner sei "militanter Zionist" und stehe "der Volksrepublik Polen feindlich gegenüber", heißt es.

Im Ostblock bewegt sich langsam etwas. 1953 stirbt Stalin, drei Jahre später Boleslaw Bierut, der oberste polnische Stalinist. Vom politischen Tauwetter ist die Rede. Auch die Zensur wird milder. Brauner versucht das Undenkbare: Eine Co-Produktion zwischen dem kapitalistischen Westdeutschland und dem sozialistischen Polen. So entsteht 1957/1958 "Der achte Wochentag" nach der Erzählung von Marek Hlasko, der damals als Jungstar der polnischen Literatur gefeiert wird. Die Regie führt Aleksander Ford, der ähnlich wie Brauner den Krieg als polnischer Jude in der Sowjetunion überlebt hatte.

Die Machthaber in Warschau empfinden das Werk als zu kritisch. "Der achte Wochentag" darf nicht in die polnischen Kinos.

Im Herbst 1967 meldet ein gewisser "Leonard", Informant der polnischen Stasi, Ford wolle einen Holocaust-Film über Janusz Korczak drehen. Korczak war Leiter eines jüdischen Waisenhauses im Warschauer Ghetto und starb vermutlich 1942 im Vernichtungslager Treblinka. Der Film soll wieder als eine polnisch-westdeutsche Co-Produktion verwirklicht werden. Das Projekt wird von der polnischen Stasi verfolgt, als antipolnisch abgestempelt und torpediert. Der Drehstart wird in letzter Minute gestoppt. Der Hauptvorwurf lautet, Ford wolle "einen guten Gestapo-Mann zeigen und eine jüdische Widerstandsbewegung, die von der polnischen Gesellschaft isoliert war. Brauner ging es darum zu zeigen, dass die Hilfe seitens der polnischen Widerstandsbewegung gleich Null war." Alle diese Punkte verstießen gegen die offizielle Geschichtsdeutung. Ford wird bald aus der kommunistischen Partei ausgeschlossen und verlässt Polen. Doch Brauner gibt nicht auf. Im Juli 1970 meldet der Stasi-Informant "Wieslaw", der Berliner Produzent klage wegen des gekündigten Vertrags vor einem polnischen Gericht. In einer chiffrierten Depesche aus Berlin wird gemeldet, Brauner sei bereit, den Streit beizulegen, wenn sich die polnische Seite bereit erklärt, das Filmprojekt zu retten. Brauner sei "ein schwieriger Gesprächspartner", warnt ein IM "Tell" aus Berlin. Die Genossen in Warschau bleiben hart. Ford und Brauner drehen dann "Sie sind frei, Dr. Korczak" im Westen als deutsch-israelische Co-Produktion (1975).

Einige Jahre später wird an einem zweiten Korczak-Film gearbeitet. Agnieszka Holland, eine junge polnische Filmmacherin, schreibt das Drehbuch. Als Produzent ist zeitweise Brauner im Gespräch, als Regisseur kommt unter anderem der Ungar Károly Makk in Frage. Doch im Herbst 1984 warnt der polnische Sicherheitsdienst die Genossen in Budapest: "Korczak" werde die polnische Geschichte verzerrt darstellen. Das Projekt scheitert. Erst nach der Wende gelingt Andrzej Wajda die Verfilmung.

Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs findet Brauner auch in seinem Geburtsland Anerkennung. 1992 wird er zum Ehrenbürger seiner Heimatstadt Lodz ernannt. Zwölf Jahre später erhält er das Kavalierskreuz des Verdienstordens der Republik Polen. Brauner besucht Lodz und zeigt, dass er bis heute fließend Polnisch spricht. Auf die Frage, ob er sich als Pole, Jude oder Deutsche sehe, antwortet er: "Ich bin Kosmopolit."

Die Idee, Brauner selbst als IM zu gewinnen, wurde rasch verworfen