Musik

Konzerthaus: Mahlers "Monstrum" fordert Stehvermögen

Die 3. Sinfonie Gustav Mahlers könnte man auch die "Reiß-aus"-Sinfonie nennen. Lange Zeit hat man um sie einen großen Bogen geschlagen und sie nur häppchenweise dem Publikum zugemutet. Dabei ist sie, trotz des haushohen Anspruchs, den sie stellt, gar nicht so schwierig zu spielen.

Der Anspruch, den sie im Notengepäck trägt, visiert im Grunde mehr die Zuhörer als die Musiker. Die 3. Sinfonie Mahlers fordert zunächst einmal Steh- (oder richtiger)Sitzvermögen. Sie ist die längste Sinfonie Mahlers, sie überrundet darin deutlich ihre Geschwister. Allein der erste Satz mit seiner Spieldauer von rund fünfundvierzig Minuten ist so lang wie eine normal ausgewachsene Sinfonie. Kein Wunder, dass man sich bei den ersten Aufführungen des Werkes mit Teilstrecken begnügte und zwar unter den Händen von Weinberger wie Arthur Nikisch. Sie hatten sich schlankweg vor dem "Monstrum" gedrückt, wie Mahler selbst seine 3. Sinfonie nannte.

Erst sieben Jahre nach ihrer Vollendung brachte Mahler sein überdimensional ausgewachsenes Schmerzenskind komplett, sozusagen unverstümmelt, mit Armen und Beinen zu Gehör. und zwar nicht etwas in Berlin oder in Wien, sondern in Krefeld. Noch heute macht sich das Werk auf den Spielplänen rar und zwar nicht einzig der Konzertsäle, sondern auch des Balletts.

Die Blechbläser schonen sich nicht

Das Rundfunk-Sinfonieorchester unter seinem Meister Marek Janowski geht im Konzerthaus das herausfordernde Stück nachdrücklich an. Nicht einmal die Blechbläser schonen sich von Anfang an für das Kommende, das Kunstanspruch und Stehvermögen verlangt. Mahlers Dritte ist im Grunde keine durchkalkulierte Sinfonie wie von altersher, sondern ein um sich wucherndes kompositorisches Abenteuer: ein Erzählwerk nach Noten, das alle guten Vorsätze immer wieder weit hinter sich lässt. Es beginnt im Grunde immer wieder aufs Neue und setzt dabei zusätzlich Singstimmen ein.

Maria Radner singt mit ihrem adligen Mezzosopran die Nietzsche-Hymne "O Mensch gib acht" und weit und breit ist da kein Zuhörer im Konzertsaal, der ihr nicht atemlos zuhörte. Die Staatsoper hat liebenswürdigerweise zum Bim-Bam-Singen ihren prächtigen Kinderchor unter Vinzenz Weissenburger hergeliehen. Die Damen des Rundfunkchors sind unter Robert Blank angereist.

Es setzt tatsächlich im Konzerthaus einen großen Bahnhof für die Gäste. Dennoch greift Janowski niemals zur Kelle, sondern begnügt sich mit dem schlanken Taktstock allein - und dies meisterhaft. Er lässt sich keine Sekunde lang irritieren, selbst von den Abschweifungen nicht, die Mahler seiner Dritten gegönnt hat. Das unerschöpfliche Abenteuer des Werkes liegt eben darin, dass Mahler buchstäblich alle Viertelstunden etwas anderes wollte. Sein Stück wechselte prompt immer aufs Neue das Ziel, schwenkte hin und her, hatte immer wieder Visionen, die geradezu in die Gegenrichtung der vorangegangenen wiesen. Gerade das aber macht sein Werk derart spannend und abwechslungsreich, als sei es wirklich und wahrhaftig für Janowski geschrieben.