Kunst

Das Solide siegt: Eine Auktion, die alle Rekorde sprengt

Als Los Nummer 39 an die Reihe kam, war die Bescherung perfekt. "Einer mehr als 920 000 Euro?", fragte Auktionator Peter Graf zu Eltz in die Runde. Kurzes Schweigen. Dann legte ein Bieter im Saal noch 10 000 Euro nach und weiter ging's am Telefon. Wassily Kandinskys abstraktes Aquarell "Ringsum" schraubte sich munter auf überraschend 1,05 Millionen Euro. Die Versteigerungen zum 25-jährigen Jubiläum in der Villa Grisebach setzten neue Maßstäbe.

1463 Werke in sechs Auktionen. Viermal (inklusive Aufgeld) wurde die Million geknackt - mit Nolde, Kandinsky, Beckmann und Kirchner. "Dieses Jahr wird das Beste in der Geschichte der Villa", sagt Hausherr Bernd Schultz - erstmals mit einem Jahresgesamtumsatz von "deutlich über 50 Millionen Euro."

Erstmals gab es eine eigene Auktion zur Kunst des 19. Jahrhunderts. Der neue Teilhaber des Auktionshauses, Florian Illies, bekannt als Gründer der Zeitschrift "Monopol" und Autor des Bestsellers "Generation Golf", hat die Abteilung unter seine Fittiche genommen. Erst im Sommer trat der 40-jährige Kunsthistoriker seinen Job als Mitgesellschafter an und baute den älteren Bereich aus. Für den früheren FAZ-Redakteur und Ex-Feuilletonleiter der "Zeit" kein spontaner Seitenwechsel, wie er sagt.

Die unbekannten Persönlichkeiten

Ein unbekannter Romantiker schmückte das Cover des Kataloges der 84 älteren Kandidaten, die als Erstes an den Start gingen. Der "Sonnenuntergang" am Dresdner Abendhimmel ließ Illies orakeln: "Aus dem Umfeld von Friedrich, Carus und Dahl kann man angesichts von Motivwahl und Pinselstrich Künstlerpersönlichkeiten wie Georg Heinrich Crola (1804-1879) oder Ernst Helbig (1802-1866) in den Kreis der möglichen Schöpfer mit einbeziehen."

Diese "Persönlichkeiten" kennt zwar keiner, doch fand das Stückchen Öl auf Bütten für 34 000 Euro trotzdem einen Fan. Im Vergleich zu den Expressionisten, die in der Villa Grisebach, dem deutschen Marktführer Klassischer Moderne, die Hauptrolle spielen, sind die Preise für die ältere Kunst deutlich niedriger. "Wir sind davon überzeugt, dass die Kunst des 19. Jahrhunderts weit davon entfernt ist, die Preise zu erzielen, die sie angesichts ihrer Bedeutung und künstlerischen Qualität haben müsste. Das ist der Grund für die weitere Schwerpunktsetzung in der Villa Grisebach", sagte Illies. Gespannt harrten er und das Publikum im übervollen Saal auf das Abschneiden der Biedermeierporträts, romantischen Landschaften und Italienschwärmereien.

Friedrich Nerlys "Forum Romanum" setzte sich an die Spitze der älteren Herren, gleichwohl gemalt von einem 23-Jährigen. Ein Bieter im Saal ersteigerte die Idylle mit Tempelresten zum Hammerpreis von 172 000 Euro. Da hagelte es Beifall im Saal.

Hochspannung verbreiteten anderntags die Ausgewählten Werke. Wie würden die teuersten Arbeiten der Auktionen abschneiden? 69 Hochkaräter lagen im Rennen. Darunter als Anwärter auf einen Spitzenplatz im Millionenhimmel Max Beckmann, Ernst Ludwig Kirchner, Nolde und August Macke, mit denen die Villa Grisebach bereits in der Vergangenheit die größten Erfolge verbuchen konnte, ergänzt durch Oskar Kokoschka. Hoch waren die Erwartungen und sie erfüllten sich. Nolde erklomm exakt seinen Schätzpreis von 1,2 Millionen Euro. Seine "Sonnenblumen im Abendlicht", die er 1943, unter Malverbot stehend, der prekären Lage abrang, leuchten künftig in einer deutschen Sammlung.

Eine heile Gegenwelt vermittelt auch Kirchners "Violinistin". Diese Version des ewigen Friedens zählt zu den späten Musikbildern des 1938 aus dem Leben geschiedenen Malers. Die wunderschönen Farbtöne seiner 1937 zum Klingen gebrachten Malerei reizten die Bieterlaune mächtig. Statt geschätzter 500 000 Euro muss der Schweizer Käufer nun über eine Mio. Euro berappen, denn der Hammer fiel erst bei 920 000 Euro.

Genau wie der neue Besitzer von Beckmanns "Elefant und Clown im Stall", der eine Million netto spendierte. Kaum waren Kirchner, Nolde und Macke an den Mann gebracht, reüssierte sein Bild von 1944. Wieder ein Schicksalsjahr, das dem Maler im Exil ins Tagebuch diktierte: "Wenn man dies alles - den ganzen Krieg, oder auch das ganze Leben nur als eine Szene im Theater der Unendlichkeit auffasst, ist vieles leichter zu ertragen." Seine Flucht mündet aber nicht in Idylle, sondern in Kostümierung und Maskerade. Das Unheil bleibt spürbar in dieser Metapher um einen Elefanten, der mit dem Rüssel von hinten einen Artisten greift.

Es war nicht nur die größte Auktion in der Geschichte der Villa, die an vier Tagen über die Bühne ging, sondern auch ein blendender Abend, der 17,7 Mio. Euro einspielte. "Alles Große ist verkauft", freut sich Schultz. 90 Prozent der Ausgewählten Werke fanden in neue Hände. Seit 2007 hat es in der Villa Grisebach keinen solchen Höhenflug mehr gegeben. Die Lehman-Pleite hatte sich auch auf die Umsätze der Auktionshäuser ausgewirkt. Nun steigen sie wieder, die unsichere Finanzwelt führt zu Fluchtreaktionen. So kann man den Erfolg auch als Sieg der Sachwerte interpretieren, Kandinsky und Kirchner als sichere Wandaktien.