Kaiser Chiefs

Fünf Jungs meinen es ernst

Das muss man Ricky Wilson lassen. Seinen Schellenring beherrscht er wie kaum ein anderer Musiker. Er jongliert ihn, als sei er ein Fußball, lässt ihn im nächsten Augenblick achtlos fallen und kurz darauf herzt er das Instrument so, als sei ein Leben ohne den Klassiker der musikalischen Früherziehung nicht mehr vorstellbar.

Der Sänger der Kaiser Chiefs ist Jahrgang 1978 und in beeindruckender Form. Er rennt quer durch die Halle, springt auf die Tresen links und rechts im (nicht ganz ausverkauften) Huxleys, dann die Treppe hoch, ausdauernd hoch und nieder und lässt sich von zwei Teenies, die für den Abend die identische Kleidung ausgewählt haben, vor einem der Bartresen knipsen. Ricky Wilson erstarrt, umrahmt von den Mädchen, für wenige Sekunden und als der Auslöser gedrückt wird, überkreischen sie für einen perfekten Augenblick E-Gitarre und Schlagzeug. Ein Hauch von Highschool weht durch die Halle. Und er ist nicht unangenehm.

Ricky Wilson ist nicht nur der einzige der fünf Herren auf der Bühne, der aus sich herauszugehen weiß und der garantiert, dass der Auftritt eine vergnügliche Veranstaltung ist. Er schreitet wie ein filmreifer Rockstar und jede Geste ist so wohl kalkuliert als sei sie millionenfach vor dem heimischen Spiegel eingeübt. Und das sympathische an dieser Performance (und an der Band an sich) ist: Es ist alles absolut ernst gemeint. Wenn er die Traverse hochklettert und mit einem ausgestreckten Arm in die Dunkelheit hinein singt, dann folgt der Pose nicht im nächsten Moment die ironische Brechung.

Während der Ausspruch von Jarvis Cocker "Irony is over" um die Jahrhundertwende natürlich nur eine weitere Drehung in der endlosen Spirale der Anspielungen war, gingen Kaiser Chiefs ein paar Jahre darauf einen Schritt weiter. Sie meinen es wirklich so, was sie sagen und singen. Ihre Songs sind geradeheraus, laden zum Mitsingen ein und nach zehn Sekunden weiß man, wie der Song wohl weitergehen wird. Die Melodien sind, möchte man ein wenig böse sein, schlicht, die Texte stehen dem nicht nach. Bei "I predict a riot" und "Ruby" verwandelt sich das Publikum in einen Chor, die Lieder sind eingängig wie Schlachtrufe in der Fankurve.

Womit wir zur Tragik (allerdings ein Drama auf verschmerzbarem Niveau) kommen. Die erste Platte "Employment" 2005 war so umwerfend gut und kommerziell erfolgreich, dass zwei Dinge absehbar waren: Die Herren aus Leeds werden "Everyday I love you less and less" noch in zehn Jahren und auch bei der dritten Reunion 2034 spielen müssen, wenn sie das Publikum nicht vergrätzen wollen. Und zudem wird Debüterfolg einen Schatten auf die weiteren Werke werfen. In einem schönen Artikel hat der "Guardian" im vergangenen Monat den Abstieg beschrieben. "Employment" verkaufte zwei Millionen Stück, der Nachfolger "Yours truly, angry mob" nur noch 800.000 (ein Minus von 55 Prozent) und das dritte Album schließlich 200.000 Stück (noch einmal ein Minus von 75 Prozent). Und die Chartposition von "The Future is Medieval", herausgekommen im Sommer, deutet daraufhin, dass dieses Album noch weniger gekauft wurde. Dabei dachte die Band, wahnsinnig innovativ zu sein, als sie folgendes Konzept vorstellten: Die Fans konnten aus 20 Songs, vorgestellt auf der Webseite der Kaiser Chiefs, sich zehn aussuchen und so ihr eigens Album erstellen. Der Haken war: Alle redeten über den Vermarktungsweg, niemand über die Platte. Daher an dieser Stelle zwei dringende Kaufempfehlungen: Zum Mitsingen "Cousin in the Bronx", zum Mitweinen "If You Will Have Me" mit der trostlosen Zeile "It's the longest tough goodbye/ So many lows and no real highs".

Beide Stücke spielt die Gruppe nicht, sie setzt auf Bewährtes, wo gesichert ist, dass der Funken überspringt. Aber es bleibt ein beruhigendes Gefühl, einer Band zuzujubeln, die bemerkenswert produktiv ist (vier Alben in sechs Jahren) und die mit den jüngeren, ruhigeren Stücken zeigt, wie ihr Weg sein könnte, wenn es mit dem Hüpfen nicht mehr so gut klappen sollte.