Klavierkonzert

Ivo Pogorelich ist keine Diva und zickt nur ein wenig

Bedächtig und fast gravitätisch betritt er die Philharmonie, den Notentext im Arm schaukelnd wie ein Kleinkind. Andere kommen auf die Bühne gestürmt, wollen möglichst schnell an die Arbeit gehen. Ivo Pogorelich lässt sich dagegen Zeit, und das tut auch Chopin.

Dessen 1. Klavierkonzert beginnt nämlich mit einer gigantischen Orchestereinleitung, die der kroatisch-serbische Pianist ausgiebig dazu nutzt, an der Bank zu drehen und auf dem Polster zu wippen. Zwischendurch blickt er in die Runde, als gelte es, jeden einzelnen Besucher zu mustern und zu begrüßen.

Man kennt Auftritte von Pogorelich, die noch viel skurriler sind. An diesem Abend wirkt er entspannt und zickt nur ein wenig mit der Dame herum, die ihm die Noten wendet. Doch irgendwann, nach Ewigkeiten, kommt sein Einsatz, und gleich mit den ersten Takten wird alles beiseite gefegt, was man sich unter eleganter, brillanter, romantischer Musik vorstellt. Dies ist kein Chopin, dies ist Liszt, ein verschwenderisches, ekstatisches Gedicht in Tönen, ungeheuer modern und zugleich von archaischer Gewalt. Metallisch schön, nein eher bronzefarben leuchtend der Klang, den Pogorelich immer dann, wenn man sich bereits im siebten Himmel glaubt, zu intensivieren versteht. Zart und doch niemals zerbrechlich die leisen Stellen, besonders bezaubernd der glitzernde, zwischen Staccato und Portato schwankende Anschlag.

Die Aufgabe, das hoch individuelle, eigenwillige Spiel Pogorelichs zu begleiten, fiel dem jungen slowakischen Dirigenten Juraj Valcuha zu. Er verstand es auch, dem "Till Eulenspiegel" von Richard Strauss und der weithin unterschätzten 3. Symphonie von Sergej Rachmaninow eine nicht selbstverständliche Transparenz abzugewinnen. Das italienische Orchestra Sinfonica Nazionale della RAI überzeugte vor allem durch satten Instrumentalklang, nur den Streichern fehlt in der allerletzten Höhe ein wenig Glanz.

Aber für den Glanz war an diesem Abend ja auch ein anderer zuständig. Mit Ivo Pogorelich ist auf jeden Fall zu rechnen, wenn es um die Krönung des Klavierkönigs geht - viele Konkurrenten hat er nicht.