Eva Mattes

"Sich in Regisseure zu verlieben, ist die Erotik des Berufs"

Bald kann sie Zehnjähriges feiern. Im Herbst 2001 wurde Eva Mattes gefragt, ob sie "Tatort"-Kommissarin werden wolle. Das hat sie kalt erwischt. Mainstream hatte sie bis dahin immer umgangen. Andererseits hatte sie sich auch nie um ein wie auch immer geartetes Image gekümmert. Also sagte sie zu. Klara Blum sollte ursprünglich noch in Freiburg ermitteln, sollte, wie Mattes selbst, eine ungarische Mutter haben. Und zum Nachdenken im Schwimmbad Bahnen ziehen. Am Ende, man weiß es, kam alles anders.

Dabei war die Schauspielerin für den "Tatort" alles andere als prädestiniert: Sie hat eine Knallphobie. Vor Schüssen und lauten Geräuschen hat sie große Angst. Bei Dreharbeiten müssen die Schüsse deshalb nachträglich auf die Tonspur gezogen werden. Doch selbst wenn nur die Regieanweisung "Schuss" fällt, schreckt sie schon auf. So ruft man jetzt in Konstanzer "Tatorten" bei Schusswechseln das Wort "Butterblume". Das ist nur eines von vielen Geheimnissen, die Eva Mattes in ihrer Autobiographie preisgibt, die sie heute auf der Frankfurter Buchmesse vorstellt.

Was für ein Leben. Was für Erinnerungen. Das geht schon auf der ersten Seite los: Der Arzt rät ihrer Mutter, sie abzutreiben, der Vater findet sie hässlich, die Hebamme erhängt sich nach ihrer Geburt. Das klingt nach einer Vita voller Krisen, Komplexe, Traumata. Aber das Gegenteil ist der Fall: Eva Mattes, Tochter des Komponisten Willy Mattes und der Filmschauspielerin Margit Symo, ist eine ganz in sich Ruhende, Erdverbunde. Eine, die schon mit 12 weiß, dass sie Schauspielerin werden will. Die mit 16 bereits ihre Familie ernähren kann. Und unbeirrbar ihren Weg geht. Eine Frau wie ein Fels. Es ist wohl auch kein Zufall, dass sie mit Egomanen und Ego-Mannen - Regisseure wie Peter Zadek und Rainer Werner Fassbinder, Wahnsinnsschauspieler wie Klaus Kinski oder Bernhard Minetti, mit denen andere sich bis aufs Blut stritten und Seelenschlachten führten -, bestens zurecht kam. Als ob auch diese einen ruhenden Pol, einen Anker brauchten - und in ihr fanden.

Jeder kennt Eva Mattes länger, als er glaubt. Sie hat schon als Kind für Kinderserien synchrongesprochen, den Timmy (!) in "Lassie" und die Pippi in "Pippi Langstrumpf". Ihren ersten handfesten Skandal hatte sie, als sie 15 war. Da spielte sie in Michael Verhoevens "o.k.", einer Parabel auf den Vietnamkrieg, ein Mädchen, das von Soldaten vergewaltigt und umgebracht wird. Auf der Berlinale wollte der damalige US-Jurypräsident den Film aus dem Wettbewerb ausschließen; aus Protest zogen alle anderen Filmemacher ihre Werke zurück. Die Berlinale war am Ende. Und die Mattes in aller Munde.

Für Aufregung sorgten immer wieder Nacktszenen, auf der Bühne oder in Filmen wie "Wildwechsel". Zu einer regelrechten Saalschlacht kam es bei Zadeks "Othello", wo der Mohr seine schwarze Schminke auf Mattes' Desdemona verschmierte. Aber diese Skandale und Skandälchen bezogen sich immer nur auf die öffentliche Person, die Schauspielerin. Von der privaten Eva Mattes wusste man nie viel. Nicht von dem Kind, das sie von Werner Herzog hat. Nicht von ihren zahlreichen Liaisons. Und ihren Beziehungen zu Regisseuren, die sie wie folgt umschreibt: "Sich in Regisseure zu verlieben, ist Teil der Erotik des Berufs". Es gehört einfach dazu. Punkt.

Ihr wichtigster Regisseur, ihr Former und Förderer war Peter Zadek. Er wollte keine Manierismen, er musste Eva Mattes erst mal "knacken", hat sie dann aber alles spielen lassen. Und sie genoss die unendlichen Freiheiten in der Zadek-Familie. Zadek war schuld daran, dass sie, die bereits einen Vertrag für die Schaubühne unterzeichnet hatte, doch nicht nach Berlin kam. Zadek war es aber auch, der sie später doch nach Berlin lockte: Als er am Theater des Westens "Die blaue Lola" inszenierte. Sie spielte eigentlich die Wirtin Gustl, musste aber als Lola einspringen, als Ute Lemper erkrankte - und rettete die Inszenierung. Seither ist Eva Mattes Berlinerin.

Zadek holte sie auch in das Fünfer-Direktorium ins Berliner Ensemble, als Matthias Langhoff kündigte. Es ist vielleicht das erhellendste Kapitel, eine Berliner Kulturpolitikposse, in der Ost- und Westtheater aufeinanderprallen. In dem ein schwerkranker Heiner Müller seine Linie durchsetzt und erst Langhoff und dann auch Zadek vertreibt. Geradezu unheimlich ist die Beschreibung von der ersten Sitzung danach, in der Eva Mattes nicht ahnt, dass alle nur darauf warten, dass sie auch endlich geht.

Eva Mattes reagiert auf solch überkommene Patriarchen-Attitüden mit der ihr eigenen, wohl irdisch-weiblichen Gleichmut: Als man sie im BE mied und mobbte, wurde ihr das bald "viel zu blöd und viel zu peinlich". So schmiss sie ebenfalls hin. Eine Schlüsselszene. Denn sie belegt, dass Eva Mattes sich nicht verbiegen, nicht fremdbestimmen lässt. Sie ist nur bei der Mutter aufgewachsen, ohne Vater, sie hat ihre Tochter ganz und ihren Sohn zumindest teils allein erzogen. Sie steht ihren eigenen Mann. Und das nicht nur in Rollen, wo sie oft die Hosen anhatte: vom Timmy in "Lassie" bis zu Rainer Werner Fassbinder in "Ein Mann wie EVA". Das wäre eigentlich auch ein treffender Titel für ihre Erinnerungen gewesen.

Aber der ist nun mal die Berta. Wer das eigentlich sein soll, das löst sich erst ziemlich am Ende, auf Seite 377 auf. Der Buchtitel ist ein Satz aus Ibsens "Wildente", ihr absolutes Lieblingszitat. Die Berta ist in diesem Drama ein Musterbeispiel für jemanden, der sein eigenes Leben meistert. Und immer, so erklärt Eva Mattes, "wenn mich jemand nicht so haben will, wie ich nun mal bin, wenn ich ihm zu rund bin oder zu klein, zu dies oder zu das, sage ich, wir können nicht alle wie Berta sein." Auch wenn diese Antwort dann kein Mensch versteht.

Eva Mattes: "Wir können nicht alle wie Berta sein". Erinnerungen. Ullstein Verlag, 416 Seiten, 19,99 Euro.

"Mir wurde das Ganze sehr bald viel zu blöd und viel zu peinlich"

Eva Mattes, Schauspielerin, über das Berliner Ensemble