Literatur

Eine unheimliche Dorfgeschichte mit doppeltem Erzählboden

Die äußere Welt ähnelt einem impressionistischen Gemälde: Hügel und Täler, zwei Seen, das Dorf mit der Kirche und der Jahrhundertbuche, Bauernhöfe, ein altes Schulhaus, in dem die siebenköpfige Familie mit ihren drei Kindern, Eltern und Großeltern alljährlich die Sommermonate und Wochenenden verbringt.

Zwei Brüder und eine Schwester bilden das Zentrum von Katharina Hackers "Dorfgeschichte", und die innere Welt der Kinder gerät oft in eine eigentümliche Spannung zur idyllischen Umgebung. Mit ihren todernsten Spielen geben sie untergründigen Gefühlsströmen Ausdruck, von denen sich die Erwachsenen abgekoppelt haben.

In lose gestaffelten Prosaschüben lässt Katharina Hacker ihre namenlose Erzählerin vom Alltag auf dem Land berichten. Oft fällt sie dabei in den Plural, was den Eindruck der traumwandlerisch in ihr aufsteigenden Erinnerungen verstärkt. Das plurale "wir" kennzeichnet die verschworene Gemeinschaft, die das Mädchen mit den Brüdern bildet, auch wenn sie sich bisweilen blutig verfeinden. Immer wieder wandelt sich die erzählende Heldin: Es gibt das Mädchen mit seinen Geschwistern, es gibt aber auch die erwachsene Frau, die mit ihren eigenen beiden Töchtern in das Dorf zurück kehrt und die Tradition der Sommerfrische wieder aufnimmt. Die Großeltern und Eltern sind längst tot, selbst der ältere Bruder Simon, in Kinderzeiten entweder mutiger Anführer oder gnadenloser Herrscher über die Geschwister, lebt nicht mehr. Im alten Familienhaus scheinen Gegenwart und Vergangenheit miteinander zu verschmelzen. Die Kindheit, die sich irgendwann in den Siebzigerjahren zugetragen haben muss, hat sich hier eingenistet. Hackers suggestive "Dorfgeschichte", deren Schauplatz Breitenbuch tatsächlich existiert, ist auch ein Versuch, den Prozess des Erinnerns abzubilden. Auf formaler Ebene spiegelt sich dies in der typographischen Gestaltung des Buches: Der Fließtext auf der Mitte der Seite wird unterbrochen durch kursiv gehaltene Einschübe, die wie Marginalien am Seitenrand stehen und den Effekt einer zweiten Stimme haben. Wie ein Wispern durchdringt sie das Bewusstsein der Erzählerin, gewinnt an Kraft, verklingt wieder.

Aus diesem virtuosen Wechsel von Erinnerungen, unscharfen Bildern, vagen Umrissen, Anekdoten, Gesprächsfetzen, Gerüchten, Geschichten, Gegenwartssplittern und Reliquien, in denen sich alles zu verdichten scheint, entsteht eine ganz eigene Atmosphäre. Sie macht den Reiz des Buches aus.

Katharina Hacker: Eine Dorfgeschichte. S. Fischer, Frankfurt/M., 125 S., 17,95 Euro.