Maria Mena

Melancholie, extrem schön

"Wir gedenken und trauern immer noch alle gemeinsam. Es fällt noch schwer, nicht daran zu denken, was passiert ist." Maria Mena, die seit "Just hold me", ihrem riesigen Hit aus dem Jahre 2005, zu den erfolgreichsten Popsängerinnen von Norwegen zählt, hat ihren Teil zur Trauerarbeit nach dem Massenmord auf Utoya und in der Osloer Innenstadt beigetragen.

Menas Version von "Mitt lille Land" - im Original vom Volkssänger Ole Paus - war eigentlich nur als kleine Untermalungsmusik für einen TV-Sender gedacht, nun ist es Norwegens kleine, große, traurige Trosthymne. "Das Leben für alle jene Norweger, die keine Angehörigen oder Freunde verloren haben, ist etwa wieder zu 50 Prozent normal, schätzt die 25-Jährige, die in Oslo lebt.

Und auch Menas fünftes Album "Viktoria", auf dem "Mitt lille Land" nicht enthalten sein wird, schlägt größtenteils wieder introvertierte, leise, wenngleich stets melodische Klänge an. "Ich kann keine Songs schreiben, die einfach nur glücklich sind", sagt Maria. "Wer auf die unbeschwerten Lieder nicht verzichten will, der muss sich andere Frauen anhören, von denen gibt es ja genug. Ich finde Melancholie extrem schön, und immer wenn ich komponiere, will ich mich selbst sozusagen aus meinen Problemen herausschreiben. Deshalb haben alle meine Lieder diesen dunklen Winkel. Viele Menschen mögen das, und viele Menschen finden das doof. Aber so sind meine Songs, und so bin ich."

Sorglos war Maria Menas Leben nicht. Ihre Eltern, die beide beim Theater arbeiteten und ihren Kindern Namen aus dem Musical "West Side Story" verpassten (der jüngere Bruder heißt Tony), trennen sich, als Maria neun ist. Das Mädchen lebt bei der Mutter, ist unglücklich, entwickelt eine Essstörung und Depressionen. Sie ist 13, als sie das unfröhliche "My Lullaby" schreibt - der Song handelt davon "wie ich meine Barbiepuppen zusammenpacke und zu meinem Vater ziehe." Wenig später setzt sie den Plan in die Tat um. "Meine Eltern wollten ihre eigene Individualität erforschen, und das übertrug sich auf meinen Bruder und mich. So wird man sehr zielorientiert, auf der anderen Seite fehlte mir die Stabilität einer Familie." Unterstützt haben sie die Eltern dennoch. Maria knüpft dank ihres Vaters, einem Bühnenmusiker, Kontakte ins Popgeschäft, sie bekommt einen Plattenvertrag und ist 15, als "My Lulluby" in die norwegische Top Fünf einsteigt. Einige Jahre später folgt der Durchbruch auch bei uns. "Welche anderen Eltern hätten ihrer Tochter erlaubt, mit 14 von der Schule zu gehen, um den Traum zu leben, Popstar zu werden und ihr Talent zu erforschen? Ich würde meinen Kindern das verbieten, aber meine Eltern waren wirklich außergewöhnlich."

Das Thema verfolgt Mena, die über ihr Verhältnis zu den Eltern auch auf Nachfrage keinen Kommentar abgibt, bis heute. Das neue Lied "Money" beispielsweise handelt von einer vollständig zerstrittenen Familie. "Ich vermische Fiktion und eigenes Erleben." Was ihre Familie zu solchen Songs sagt? "Speziell nach 'Cause and Effect' sind die einiges gewöhnt."

Freilich klingt das nach Menas zweitem Vornamen "Viktoria" benannte Album längst nicht so wütend und bitterböse wie "Cause and Effect", der besagte, vor drei Jahren veröffentlichte und sehr wütende Vorgänger. Deutlich dunkel gefärbt sind Songs wie "The Art of Forgiveness", "Secrets" oder "My Heart still beats" dennoch. Maria Mena singt über Dämonen, Betrug und Vergebung. Und selbst ihr eigener Freund - ein Journalist, mit dem sie seit fünf Jahren zusammen ist - wird zu Ehren der Kunst äußerst kritisch behandelt. In der ersten, ein wenig nach "Just hold me" klingenden Single "Homeless" wird der arme Junge gleich mal kräftig hinterfragt. "Oft denkt man in Beziehungen doch, das Gras auf der anderen Seite ist grüner, oder man will wieder frei sein und sich ausprobieren. Man vergisst zuweilen, zu wem man gehört und fühlt sich heimatlos. Zum Glück ist mir das am Ende noch eingefallen." Im Song wie im Leben: Kommendes Jahr plant Maria Mena, ihren Verlobten heiraten.

Maria Mena: Viktoria, Sony