Hajo Schumacher alias Achim Achilles

Die Mitteilsamkeit des Langstreckenläufers

Kaum vorbei an der Schlange vor dem Gemüse-Kebab, rechts rein in den Hinterhof, springt er einen auch schon an: Achim Achilles klebt verdreht im Aufzug. Der Sportler liegt auf dem Bauch, ein Funktionsshirt um den Oberkörper, das linke, epilierte Bein hält er mit der linken Hand fest, Daumen nach oben.

Ein breites Grinsen, darüber steht "Sehnen lügen nicht". "Bing", fünfter Stock, noch mal dem Poster winken, gleich geht's los: Achim Achilles mit seinem Programm "Sehnen lügen nicht - die Läufershow 2011", es soll die lustigste Deutschlands sein.

Das Theater am Mehringdamm ist bis auf den letzten Platz besetzt. In runden Ledersesseln sitzen die Zuschauer, ein Gläschen Rotwein, ein Weizenbier, manchmal auch ein Tee auf den Beistelltischchen. Das Licht im Saal wird langsam heruntergedimmt, man hört Atem und die Stimme von Achilles. Ein Filmchen wird eingespielt. Der schlafende Läufer träumt von einer erfolgreichen Karriere, von Schampus mit Frauen in der Limo. Aus dem Auto bewirft er seine Erzfeinde, die Nordic-Walker.

Achilles heißt gar nicht so, sein Vorname ist auch nicht Achim. Der Läufer ist das Alter-Ego von Hajo Schumacher, 47, geboren in Münster. Der Autor und Publizist war leitender Redakteur beim "Spiegel", Chefredakteur der "Max" und ist auch Autor der Berliner Morgenpost. Für "Spiegel-Online" verfasst er unter dem Pseudonym Achim Achilles Kolumnen über seine Leidenschaft, das Laufen. Häufig ironisch, mal lustlos, wenn es draußen wieder regnet, aber stets mit dem nötigen Humor beömmelt sich Schumacher über sich, die Walker und laufende Ossis mit kurzen Hosen im Winter. Das liest man gerne. Achilles hat den pubertären Schalk im Nacken, das ist gut so.

Der Film ist vorbei. Achilles joggt auf die Bühne. In rosa Kompressionsstrümpfen, die tragen viele beim Laufen, das verhindert müde Beine und Krämpfe. Bogenschützen-Geste wie bei Usain Bolt, jubelt er sich und dem Publikum zu; so sehen Sieger aus. Dann die Begrüßung durch ein Headset wie bei einem Rock-Konzert: "Hallo Berlin!" Der Läufer hat große Pläne. 2012 will er den Berlin-Marathon gewinnen. Der schlaksige Riese wiegt knapp unter 100 Kilo, braucht für die Distanz von 42,195 Kilometer vier Stunden und sechs Minuten. Nun liegt der ehemalige Weltrekord seines Lieblings-Sportlers Haile Gebrselassie bei zwei Stunden, drei Minuten und 59 Sekunden. Was liegt also näher, als verschiedene Gewichtsklassen einzuführen? "Die Klitschkos kämpfen ja auch nicht im Fliegengewicht". Der von ihm ausgewählte Show-Praktikant Andreas, ein älterer Herr mit weißen Haaren, klatscht wie verabredet vor. Das Publikum tut es ihm gleich. Es lacht aber auch ohne Andi. Achilles ist ein souveräner Entertainer. Wie der Trainer einer Jugend-Mannschaft begeistert er die Zuschauer.

Und die lernen viel und lachen viel. Zwei Drittel der Läufer denken beim Laufen an Sex, drei Drittel beim Sex ans Laufen. Der One-Night-Stand von Laufpartner Kuddel kommentiert dessen Duft nach dem Training: "Vom Geruch hätt' ich ihn mir echt größer vorgestellt." Dabei wird das Glied wohl beim Laufen kleiner, das Herz pumpt das benötigte Blut größtenteils in die Beine, erklärt Achilles das Phänomen. Johlen und Klatschen der Frauen, peinliche Blicke der Männer.

Nach der Pause und der zweiten Hälfte ist es ganz schön warm geworden im Theater, die Luft ist verbraucht. Das Aufstehen fällt schwer; Sehnen lügen nicht.