Inzest und Doppelmord in Hessen

Knapp zehn Millionen Fernsehzuschauer sahen am vergangenen Sonntag den Stuttgarter "Tatort"-Kommissaren bei der Arbeit zu. Auch im Radio erfreut sich die ebenfalls auf regionale Ermittler setzende Hörspiel-Version der Reihe zunehmender Beliebtheit.

Die neue Folge "Abschaum" beschäftigt den Frankfurter Hauptkommissar Nebe. Für ihn ist der schlimmste Alptraum wahr geworden. Von der pulsierenden Main-Metropole wird er ins Hinterland versetzt - nach Rotenburg an der Fulda. Das ist - betrachtet man es auf der Karte - zwar geradezu im Zentrum Deutschlands, aber eben auch nur auf der Karte. Das Positive: Für den zu philosophischen Betrachtungen neigenden Grübler bietet der neue Arbeitsplatz reichlich Gelegenheit, über sein seit dem Gewalttod der Ehefrau aus den Fugen geratenes Leben zu sinnieren. Freilich nicht, ohne alle Sehnsüchte und Emotionen in einen Gesamtzusammenhang zu bringen "Sie war die Beretta, die ich immer haben wollte."

Im kleinen Apartment des Best Western Hotels residiert Nebe fortan, blickt auf die Vorausläufer der Rhön, und wartet auf ein Gewaltverbrechen, einen simplen Toten. Und allem der neuen Heimat entgegengebrachten Argwohn zum Trotz vermag es die Provinz tatsächlich, den Großstadtbullen zu überraschen - mit einem Doppelmord ("Darauf warten andere ein ganzes Leben!"), einem recht grausigen dazu. Ein Paar musste dran glauben. Die Diagnose: multi-letal - sagt der Forensiker, und meint: Die Verletzungen hätten spielend für eine Handvoll Tode gereicht.

Gesellschaftliche Abgründe liefert der Fall auch gleich mit: Die Getöteten waren Schwester und Bruder, ihr inzestuöses Verhältnis brachte zwei Jungen hervor, die das Jugendamt jüngst in Familien im Nachbardorf unterbrachte. Zur Untersuchung des immer komplexer werdenden Falles benötigt Nebe seinen Kollegen Panzer als "lokales Element", um zu den Eingeborenen vordringen zu können. Dabei sind es eher die nebensächlichen Beobachtungen des Kommissars, die den Fall voran bringen. Oder was machen diese auf Gruppendynamik getrimmten Yuppies, die sich vor dem Fenster seines Hotel-Apartments abseilen und auch mental zu Tiefflügen fähig zu sein scheinen? Nebe jedenfalls wittert eine Spur und kommt - neues Leben hin oder her - dank Nasi Goreng zumindest in der Provinzkaschemme bald auf den Geschmack. Für ihn hat der Kriminalfall längst eine philosophische Dimension jenseits der Provinzposse erreicht. Er ist zu sehr Menschenkenner, um sich noch etwas vormachen zu lassen. Und das, obwohl er einst doch eigentlich nur wegen der Pistolen zur Polizei kam.

ARD-Radio-Tatort: "Abschaum" : 17.10., 22.04 Uhr, RBB Kulturradio