Fernsehen

Was der "Tatort" über die deutsche Mentalität aussagt

Manche mögen den Kult um die Krimireihe belächeln, andere nehmen sie sehr ernst. Jetzt bot die Tagung "Republik im Fadenkreuz. Der 'Tatort' als Mentalitätsgeschichte der BRD" in Bad Herrenalb vor allem einem Göttinger Projekt der Deutschen Forschungsgemeinschaft ein Forum.

Dass Literaturwissenschaftler zur "Ästhetik und Praxis populärer Serialität" am Beispiel der Einschaltquoten-starken ARD-Reihe forschen, passt in eine Zeit, in der filmische Serienformate immer öfter zum Konkurrenten für die Literatur erklärt werden. Literaturwissenschaftler Jochen Vogt hat den "Tatort" einmal den "wahren Gesellschaftsroman der Bundesrepublik" genannt. Typisch deutsch ist der "Tatort" in der Art und Weise, mit der er die polyzentrische Siedlungsstruktur dieses Landes, die föderale Verfasstheit seines öffentlich-rechtlichen Rundfunks und den innerregionalen Proporz seiner Fernsehanstalten spiegelt. Angeblich soll Gerhard Schröder seinerzeit den NDR-"Tatort" für Hannover bestellt haben.

Claudia Stockinger sprach über Religion im "Tatort" - ein schönes Beispiel, wie ergiebig man die gesellschaftliche Relevanz an konkreten Themen zeigen kann. Dagegen sind die föderalen Eigenheiten widersprüchlich. So wurden provinzielle Uni-Städte wie Münster oder Konstanz zu teilweise populären "Tatort"-Dienstsitzen erhoben. Andererseits haben Leipzig oder Stuttgart jegliche Regionalität abgelegt, was auch damit zusammenhängen mag, dass die Vorgänger der aktuellen Ermittler das Lokalkolorit bis zum Klischee strapaziert haben - man denke nur an den Trollinger-Kommissar Bienzle.

Regionalität kann sich ein Quoten-Flaggschiff mit zehn Millionen Zuschauern nur leisten, soweit sie überregional verstanden wird. Und Experimente oder Formatverletzungen wie durch den einsamen Hamburger Undercover-Ermittler Batu werden vom Massenpublikum nur in Maßen begrüßt. Im Publikum der Tagung saß Francois Werner, der Macher und Begründer von www.tatort-fundus.de . Er räumte mit dem Klischee auf, dass nur "Derrick" ein deutscher Exporterfolg sei. Die Holländer hätten Schimanski-"Tatorte", die USA Ballauf und Schenk staffelweise eingekauft.