Musik

Ryan Adams will keine Mülltüte mehr sein

Ryan Adams singt wieder, irgendwo im Süden Kaliforniens, ganz weit weg von allem hat er sich wieder gefunden. "Ashes & Fire" heißt das Album seiner Wiedergeburt, dessen erste Worte lauten: "Letztens hat es noch geregnet, nun regnet es nicht mehr." Beiläufig spielt er Gitarre. Ein zufriedener Veteran von 36 Jahren sitzt auf der Veranda, schaukelt, singt, trinkt Rotbuschtee und überdenkt sein altes Leben.

Es war das Drama der Zuspätgeborenen: So alt wie wir uns fühlen, werden wir nie sein. Als Ryan Adams auf die Welt kam, im November 1974, war die Rockgeschichte auserzählt. 2003 beschwor er im Lied "1974" auf dem Album "Rock'n'Roll" die Gegenwart: "Die Stadt ist ein hungriges Tier. Der Regen ist wie Nasenbluten. Und ich hoffe, es wird blutig wie am Tag meiner Geburt." Nach Kräften hat sich Ryan Adams in die Kriegserzählungen der Alten eingelebt. Aus der Provinz North Carolinas zog er nach New York ins Chelsea Hotel, die Herberge der musealen Popkultur. 2001 verblüffte Adams durch ein Retroalbum mit dem Titel "Gold". Die Songs bewiesen, dass man sein Talent auch in der Gründerzeit erkannt hätte.

Die Nuller-Jahre waren seine Blütezeit. Die Menschheit wurde ernster und konservativer nach dem Herbst 2001. Amerika begann, sich wieder selbst zu suchen in seiner Musik. Ryan Adams musizierte plötzlich im richtigen Moment auf seine Weise. In den Neunzigern hatte er eine heitere Band geführt, The Patty Duke Syndrome, die sich über die öffentlichen Depressionen Prominenter lustig machte. Danach rief er Whiskeytown ins Leben, wo er sang: "Ich gründete diese verdammte Countryband, weil Punk zu schwer zu spielen war." Er kam im 21. Jahrhundert an. Eingeholt vom Countryrock nahm Adams unablässig Alben auf, hyperaktiv und manisch, jede Plattenfirma war von seinem Eifer überfordert - und er selbst am Ende auch. Wo er ein Studio fand, verbrachte er die Nächte und schnitt jede Regung mit. Dann war plötzlich Schluss: 2009 verschwand Ryan Adams.

Er litt am Menière-Syndrom, einem geheimnisvollen Lymphstau im Innenohr mit Hörsturz, Schwindelanfällen und Tinnitus im Bassbereich. Die Ursachen gelten als ungeklärt. Aber die Therapie erfordert eine rigorose Abkehr von den Brauchtümern der ursprünglichen Rockmusik: Verzicht auf Drogen aller Art, von Koffein bis Kokain, auf Lärm und auf ein Leben ohne Regeln. Ryan Adams wirkt beseelt von seiner Wandlung, und wie alle Konvertiten gibt er ausführlich darüber Auskunft und wirbt für den Weg zum Glück. "Ich kann mich kaum erinnern, wie wir wild waren und jung. Sind wir tatsächlich, wer wir sein wollten? Bin ich tatsächlich, wer ich war?", heißt es in "Lucky Now". Wie eine Mülltüte im grauen Schnee sei er gewesen, stellt Ryan Adams fest.

Es geht um Rettung und um Heimkehr. In "Come Home", dem schönsten Lied dieses sehr schönen Albums, schildert er die Mühen der Entsagung und den Lohn. Er habe Stein für Stein die Schutzhütte errichtet gegen allen Übel und die Angst. Das Schlagzeug zischt und knackt wie eine Feuerstelle, die Pedalgitarren sorgen für Behaglichkeit. So tief im Country hat Ryan Adam sich noch nie verborgen. Und nachdem er Ethan Jones sein Frühwerk produzieren ließ, betreut ihn nun Glyn Johns, der schon in den Tonstudios der Sechziger zum Personal gehörte. Die Musik klingt älter, nach weitem Land und klarer Luft, was Ryan Adams jünger wirken lässt.

Ryan Adams: Ashes & Fire (Columbia)