Film

"Intelligent und Angst einflößend"

ls Morpheus in der "Matrix"-Trilogie werden ihn wohl die meisten kennen. Nun rettet Laurence Fishburne, gerade 50 geworden, in Steven Soderberghs Virenthriller "Contagion" wieder einmal die Welt. Der amerikanische Schauspieler spricht ruhig und mit gedämpfter Stimme und schafft es trotzdem scheinbar mühelos, die Hotelbar, in der das Gespräch stattfindet, mit seiner Präsenz zu füllen. Thomas Abeltshauser hat mit dem Hollywoodstar gesprochen.

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Berliner Morgenpost: Bei "Contagion" stellt man sich als Zuschauer unweigerlich die Frage, wie man selbst angesichts der Bedrohung einer Virenseuche reagieren würde. Ging Ihnen das ähnlich?

Laurence Fishburne: Ehrlich gesagt, nein. Aber ich hatte viele Gelegenheiten, mit dem Seuchenexperten Dr. Ian Lipkin zu sprechen, der unserer Berater war und den gleichen Job hat wie meine Filmfigur. Er zeigte mir jeden Tag auf seinem Smartphone, welchen Virus sie gerade bei seiner Ausbreitung verfolgen. Das bringt einen schon zum Nachdenken. Aber letztlich war ich doch froh, dass dem überhaupt jemand Aufmerksamkeit schenkt und sich darum kümmert. Denn es hört ja nie auf, irgendwas ist da draußen immer unterwegs und die Wahrscheinlichkeit eines Ausbruchs ist gar nicht so gering.

Berliner Morgenpost: Der Film wirft auch moralische Fragen auf, vor allem für die Experten in verantwortungsvollen Positionen: Wenn es nicht genug Gegenmittel gibt, helfe ich dann einigen wenigen aus meinem nächsten Umfeld oder verteile ich den Wirkstoff gleichmäßig?

Laurence Fishburne: Meine Figur überschreitet an einem Punkt klar eine Grenze und behandelt jemandem bevorzugt, was er nicht hätte tun sollen. Aber ich bin mir sicher, ich würde genau dasselbe tun.

Berliner Morgenpost: Der Film erzeugt eine Paranoia, dass man beim Verlassen des Kinos am liebsten nichts und niemanden anfassen möchte...

Laurence Fishburne: Oh, gut! Das ist sehr gut. Dann haben wir was richtig gemacht. Beim Drehen habe ich mir darüber keine Gedanken gemacht, aber als ich dann den fertigen Film gesehen habe, ging es mir genauso. Wo ist das nächste Waschbecken zum Händewaschen?

Berliner Morgenpost: Sie wurden im Juli 50. War das ein Moment, inne zu halten und darüber nachzudenken, wie weit Sie es gebracht hat?

Laurence Fishburne: Ich bin sehr glücklich, 50 Jahre alt zu sein. Mir geht's gut. Ich arbeite seit 40 Jahren als Schauspieler, ich kann mich nicht beschweren.

Berliner Morgenpost: Eine Ihrer ersten Rollen war 1979 als Junge in Francis Ford Coppolas "Apocalypse Now". Wie haben sich die Filmbranche und die Situation als Schauspieler seitdem verändert?

Laurence Fishburne: Die Filmindustrie hat sich vor allem in den letzten 15 Jahren komplett gewandelt. Nicht nur für Schauspieler, für alle. Die Neuen Medien, das Internet und die Vertriebswege. Kennen Sie die Videokette Blockbuster? Tot, vorbei. Wer hätte das vor ein paar Jahren für möglich gehalten? Heute regiert Netflix, eine Website, auf der man eine schier unendliche Auswahl hat und sich Filme legal in wenigen Minuten herunterladen kann.

Berliner Morgenpost: Welchen Einfluss hat der technische Fortschritt auf Ihre Arbeit als Schauspieler? Sie müssen noch immer höchstpersönlich vor einer Kamera stehen.

Laurence Fishburne: Klar, es wird immer Schauspielerei sein. Selbst bei einem Film wie "Planet der Affen" heißt das Zauberwort "Performance Capture", wo Leute wie Andy Serkis, der Golom aus "Herr der Ringe", vor einer Kamera spielt und mithilfe neuester Technik in einen Affen verwandelt wird. Unsere Arbeit hat sich nicht geändert, aber die Art wie sie verarbeitet und vertrieben wird.

Berliner Morgenpost: Ein Film, der in dieser Hinsicht revolutionär war, ist "Matrix".

Laurence Fishburne: Der auch schon wieder eine Dekade alt ist und in Vielem längst überholt. Aber "Matrix" hat etwas angestoßen, den Boom der Comicadaptionen etwa. Danach wurden aus Marvel Comics und asiatischen Martial Arts Filmen, die vorher nur ein Nischenpublikum interessierten, plötzlich weltweite Megahits. Umso glücklicher bin ich, dass es einen Film wie "Contagion" überhaupt gibt, weil er mit all dem nichts zu tun hat. Es ist ein geradliniger Thriller, intelligent und Angst einflössend, aber ohne all das Drumherum.

Berliner Morgenpost: Trotzdem ist der Film digital gedreht und thematisiert geradezu obsessiv, wie wir heute über Blogs, Twitter etc. kommunizieren.

Laurence Fishburne: Stimmt, wir nutzen die neuen Technologien und wir thematisieren sie auch, aber eben so in den Alltag eingebunden, wie wir sie auch tatsächlich nutzen.

Berliner Morgenpost: Sie haben begonnen, selbst Filme zu produzieren. Welche Art von Kino darf man vom Produzenten Laurence Fishburne erwarten?

Laurence Fishburne: Ein Projekt, das ich seit geraumer Zeit entwickle, ist Paul Coelhos Weltbestseller "Der Alchemist". Es ist ein langwieriger Kampf.

Berliner Morgenpost: Was ist so schwer daran? Von außen betrachtet, klingt es wie ein sicherer Hit.

Laurence Fishburne: Zum Beispiel der arabische Frühling, fangen wir damit an. Wie erzählt man diese Geschichte, wenn in Ägypten und der islamischen Welt gerade alles in Aufruhr ist?

Laurence Fishburne: Man muss sehr sensibel gegenüber den Menschen und ihrer Kultur sein und jedes Klischee vermeiden. Und es findet sich in der derzeitigen Lage schlicht niemand, der einen Film finanzieren will, der in dieser Gegend vor 100 Jahren spielt.

Berliner Morgenpost: In den Neunziger Jahren gab es das New Black Cinema, sehr persönliche, oft wütende Filme von jungen schwarzen Regisseuren wie Spike Lee und John Singleton. Seit einer Weile ist es darum recht still geworden - weil es mittlerweile auch in Hollywoodfilmen schwarze Bosse, Präsidenten, sogar Götter gibt?

Laurence Fishburne: Das kann man so sehen. Sicher gibt es einige Gesichter, wie Morgan Freeman, Forest Whitaker oder mich, und Regisseure wie Spike und John, die Teil des Mainstreams sind. Aber ich denke schon, dass immer Platz für neue Stimmen ist. Und es gibt sicherlich ein Bedürfnis nach schwarzen Filmemacherinnen, auch jungen Latino-Regisseuren.

Kinostart ist am 20. Oktober.