Literatur

Biograf verlorener Utopien

Eine Dankesrede hat er nicht vorbereitet: "Da bin ich zu abergläubisch", sagt Eugen Ruge, als er gestern Abend im Frankfurter Rathaus für seine DDR-Familiensaga "In Zeiten des abnehmenden Lichts" den Deutschen Buchpreis erhält. Auf die Ehrung reagiert der 57-jährige Berliner ganz nüchtern - schließlich ist er ja Mathematiker.

Dabei ist die Auszeichnung so etwas wie die Krönung eines Lebenswerks. Seit der Wende hat er über seinem Roman gebrütet - und jetzt wird sein Erstlingsprosawerk gleich zum "Roman des Jahres" gewählt.

Auf 430 Seiten hat Ruge vier Generationen untergebracht. Der stark autobiografisch geprägte Roman ist zwischen Berlin, der Sowjetunion und Mexiko angesiedelt. Es ist kein Wenderoman, sondern es geht um die Geschichte einer weitverzweigten Familie, die an die DDR mal geglaubt hat - mit allen Hoffnungen und zerstörten Illusionen. "Sein Buch erzählt von der Utopie des Sozialismus, dem Preis, den sie dem Einzelnen abverlangt, und ihrem allmählichen Verlöschen", heißt es in der Begründung der siebenköpfigen Jury. Er hoffe, sagt Ruge, dass sein Buch auch Vorurteile gegenüber der DDR abbauen könne.

Preisträger, die sich nicht verkaufen

Ab wann werden Literaturpreise eigentlich erwachsen? Ab wann muss man sich keine Sorgen mehr um sie machen? Wahrscheinlich ist es mit Literaturpreisen wie mit Kindern, die können - aus Sicht der Eltern jedenfalls - nie erwachsen werden und Sorgen macht man sich immer. Der Deutsche Buchpreis, die vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels ausgelobte Auszeichnung für den (angeblich) besten Roman des Jahres, wurde gestern sieben alt. Das ist natürlich kein Alter. Da weiß man noch nicht wirklich, was wird mit dem Kind, da könnten noch Talente brach liegen, da könnte später mehr draus werden als - im Fall des Buchpreises - ein bloßes Marketinginstrument des Börsenvereins, als das der deutsche Bookerpreis gern missverstanden wird.

Eine richtige literarische Wegmarke zum Beispiel. Mit jeder Preisträgerkür der vergangenen Jahre schien für den Wechselbalg aus literarischem und buchhändlerischem Interesse eine Richtungsentscheidung hin zum Literarischen getroffen zu sein. Kathrin Schmidt auszuzeichnen und nicht die Nobelpreisträgerin Herta Müller oder die Schweizerin Melissa Nadj-Abonji aus dem Stand der Unbekanntheit und mit einem eher sperrigen Thema auf den Thron zu heben - alles andere als populär. Weswegen sich ernsthaft niemand wundern konnte: Dass die am Ende erreichten Auflagenzahlen der Buchpreisträger in den vergangenen Jahren rapide sanken, die mit der Banderole "Deutscher Buchpreis" versehen doch halbwegs in die Regionen von Uwe Tellkamps "Turm" oder wenigsten Arno Geigers "Es geht uns gut" geschossen werden sollten. Dass der Börsenvereinsvorsteher Gottfried Honnefelder sein Kind auch in diesem Jahr wieder kräftig vorwärtsverteidigte. Und die Buchhändler sich dennoch angesichts der diesjährigen Shortlist schon mit Grausen abwenden wollten: Ein Theaterroman, ein Philosophenroman mit Löwe, ein 1000-Seiter über die Ödnis einer Jugend in der ostfriesischen Provinz, eine finstere Unterschichtenmädchengeschichte, ein Roman aus der Welt der DDR-Granden... Es murrte unter Druckwerkverkäufern. Was aber letztlich doch mehr über den Zustand des deutschen Buchhandels als über den der deutschen Literaturjuroren aussagt (wer muss schon Angst haben vor Sibylle Lewitscharoff?).

Am Ende konnten alle halbwegs zufrieden sein. Die Jury nämlich warf die literarische Wurst beherzt nach der buchhändlerischen Speckseite, aber nicht alle Qualitätskriterien über Bord und zeichnete Eugen Ruges "In Zeiten abnehmenden Lichts" aus. Was nicht sehr überraschend war und reichlich einleuchtend.

Ein spätes Debüt

Das späte Debüt des 57-Jährigen ist sozusagen der natürliche Preisträger dieses doch stark DDR-lastigen Literaturherbstes, es bringt alles mit. "In Zeiten abnehmenden Lichts" ist eine Art Nebenturm. Er malt weiter aus, was Uwe Tellkamp im "Turm" schon angefangen hat - er erzählt vom Untergang eines Landes betrachtet durch die Fenster der bürgerlichen Nomenklatura, erzählt vom Scheitern von Lebensentwürfen, von Idealen, zeigt das Pervertiertwerden von Utopien und Glückserwartungen und wie Politik, wie vor allem der Stalinismus - in abnehmendem Maß - das Leben von Menschen regiert, ramponiert. Ruge zieht in vielen Farben und mit höchst lebendigen, vielschichtigen Figuren das Panorama eines (kommunistischen) deutschen Jahrhunderts auf. Mit geschliffenen Dialogen, mit ausgepichtem Humor (in beidem ist Ruge Tellkamp doch ziemlich überlegen). Ein süffiger, soghafter, beinahe so makellos wie konservativ gebauter und erzählter Familienroman. Damit kann man leben, das kann, das sollte man lesen (neben einigen Romanen zum selben Thema, die es nicht auf die Shortlist gebracht haben wie die von Antje Ravic Strubel und Julia Schalansky). Das wird sich verkaufen, das muss man dem Ausland nicht erklären.