Interview

"Den wahren Jimi kenne nur ich"

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Jimi Hendrix kennt wohl jeder, Leon Hendrix dagegen nur Insider. Jetzt startet der jüngere Bruder der früh verstorbenen Rocklegende gemeinsam mit dem Gitarristen Randy Hansen am 28. Oktober in Berlin eine gemeinsame Tournee. Angekündigt ist ein Programm voller Geschichten und Musik aus dem Leben des Gitarrengottes. Olaf Neumann sprach mit Leon Hendrix über seinen Bruder, ihren strengen Vater und Familienstreitigkeiten.

Berliner Morgenpost: In der Show erzählen Sie von dem Menschen hinter der Legende. Wissen Sie denn wirklich mehr über Jimi Hendrix als jede andere lebende Person?

Leon Hendrix: Mit Sicherheit. Niemand kennt den wahren Jimi - außer mir. Diesen Fremden, der aus dem Nichts auftauchte, den man nie ein Buch lesen sah und der trotzdem reden konnte wie ein Wissenschaftler. Wir wurden beide von der Schule geschmissen. Auch wenn wir uns sehr nahe standen, bin ich niemand, der Jimi-Hendrix-Memorabilia sammelt. Die T-Shirts, die ich von ihm bekam, habe ich immer selbst getragen. Inzwischen stelle ich aber selbstgestaltete Hendrix-Fanartikel her. Übrigens alles legal.

Berliner Morgenpost: Was ist aus Ihrem Elternhaus in Seattle geworden?

Leon Hendrix: Das wurde alles vom Familienunternehmen Experience Hendrix eingelagert. Keine Ahnung, was mit den Sachen passieren soll. Im Moment habe ich andere Probleme. Was ich jedoch besitze, ist eine 1964er Sunburst, auf der Jimi persönlich gespielt hat. Diese Gitarre ist meine Lebensversicherung und die meiner Kinder. Ich würde sie niemals mit auf Tour nehmen.

Berliner Morgenpost: Wann haben Sie gemerkt, dass Ihr sechs Jahre älterer Bruder dieses außerordentliche Talent besaß?

Leon Hendrix: Schon sehr früh. Als ich klein war, musste Jimi immer auf mich aufpassen. Mom und Dad sind manchmal tagelang nicht nach Hause gekommen. Damit es ihm nicht langweilig wurde, fing Jimi an, Leute wie Chuck Berry, Elvis Presley, Robert Johnson und Muddy Waters zu imitieren. Diese Shows spielte er exklusiv für mich.

Berliner Morgenpost: Hatte er damals schon eine elektrische Gitarre?

Leon Hendrix: Nein, die musste er sich selbst bauen. Er hatte eine alte Fox-Klampfe für fünf Dollar und besorgte sich bei Seattle Music einen Tonabnehmer, den er einfach an die Gitarre klebte. Diese spielte er dann über unsere Wohnzimmer-Stereoanlage. Was gab das für Rückkopplungen! Jimi war schon damals ein kleines Genie. Wäre er zur Uni gegangen, wäre aus ihm ein Wissenschaftler geworden.

Berliner Morgenpost: Wie haben Ihre Eltern auf Jimis Talent reagiert?

Leon Hendrix: Unser Vater ist immer verrückt geworden, wenn er Jimi zuhause Gitarre spielen hörte. Dad war ein einfacher Gärtner. Diesen Weg sollten eigentlich auch seine Söhne einschlagen.

Berliner Morgenpost: Sie sind ein Spätzünder. Ihr erstes Album veröffentlichten Sie mit 60 Jahren.

Leon Hendrix: Schon als Heranwachsender wollte ich immer Gitarre spielen wie mein Bruder, aber unser Vater verbot es mir. Er sagte: "Wir haben einen Musiker in der Familie. Einen zweiten brauchen wir nicht". Aber wenigstens bin ich später mit Jimi auf Tournee gegangen, von der Westküste bis nach Kanada.

Berliner Morgenpost: Wie war Jimi Hendrix auf der Bühne?

Leon Hendrix: Jeder Abend war anders. Jimi hatte irgendwann überhaupt keine Lust mehr, "Foxy Lady" und "Purple Haze" zu spielen. Wir hatten auf dieser Tour viel Spaß zusammen, stiegen in den besten Hotels in Beverly Hills ab und konnten alle Mädchen haben. Anschließend flog Jimi nach London, wo er auf tragische Weise starb. Nach seinem Tod habe ich geheiratet und Kinder bekommen. Ich wurde Grafiker und arbeitete lange für die Luftfahrtgesellschaft Boeing. Eine Gitarre habe ich erst vor sechs, sieben Jahren erstmals angefasst.

Berliner Morgenpost: Jimi Hendrix ist der berühmteste Rockgitarrist aller Zeiten. Jeder wird Sie mit ihm vergleichen.

Leon Hendrix: Dazu nur so viel: Es war eine Aufforderung aus dem Jenseits. (lacht) Wer wissen will, wie ich spiele, soll einfach zu meinen Konzerten kommen. Ich habe bereits ein Album unter meinen Namen veröffentlicht, und es werden definitiv noch mehr erscheinen. Die Leute wollen mich live erleben. Allerdings wissen viele noch gar nicht, dass es mich gibt. Das soll sich jetzt ändern.

Berliner Morgenpost: Auf Ihrer Myspace-Seite erklingt ein unbekannter Song von Jim Hendrix: "In The Stars". Wo haben Sie den her?

Leon Hendrix: Meine Stiefschwester wollte mich deswegen verklagen. Jimis früherer Manager übrigens auch. Auf diesem Stück spielt Jimi posthum mit mir, unterstützt von Yes-Drummer Alan White und dem Bassisten von Heart. Bitte verstehen sie mich nicht falsch, ich versuche nicht, so zu klingen wie mein Bruder. Ich mache meinen eigenen Shit, ich spiele ganz anders. Nein, ich will nicht in Jimis Schatten stehen.

Berliner Morgenpost: Offizieller Nachlassverwalter von Jimi Hendrix ist das Familienunternehmen Hendrix Experience. In den letzten Jahren kam es immer wieder zu Streitigkeiten?

Leon Hendrix: Niemand aus der Hendrix-Familie arbeitet inzwischen mehr für diese Firma. Weil mein Vater inkompetent in geschäftlichen Dingen war, wollte seine Adoptivtochter Janie - sprich: meine Stiefschwester - alles an sich reißen. Mit dem Resultat, dass sie die Firma Hendrix Experience jetzt nicht mehr leiten darf. Ich habe keine Lust mehr, mich über die Familie aufzuregen. Ich möchte nur noch Musik machen und den Menschen von meinem Bruder erzählen. Sein Spirit ist immer noch sehr präsent. Die Leute reagieren auf mich, als sei ich Jimi höchstpersönlich.

Berliner Morgenpost: Was kann man von Ihrer gemeinsamen Tournee mit Randy Hansen erwarten?

Leon Hendrix: Randy ist ja bekannt für seine Interpretationen von Jimis Musik. Zu den Songs erzähle ich die wahre Geschichte meines Bruders, und ich spiele selbst auch ein bisschen auf der Gitarre und singe. Mittlerweile bin ich ganz gut. Aber man muss üben üben üben.

Berliner Morgenpost: Nächstes Jahr wäre Jimi Hendrix 70 geworden.

Leon Hendrix: An seinem Geburtstag werde ich wahrscheinlich in Malta auftreten. Sofort nach dem Konzert fliege ich dann nach New York, um in B.B. King's Blues Club eine Tribute-Show zu spielen.