Andreas Altmann

Schuld und Söhne

Es gibt ja einiges, was man nicht sein will in den Büchern dieses Jahres, vor allem will man eines: Vater. Das ist ungesund, das ist gefährlich, aus dieser Rolle kommt man nur ganz schwer lebend raus. Vorausgesetzt, das muss man hinzufügen, man ist Vater eines Sohnes.

Selten nämlich in einem Literaturjahr war man als Leser mit einer derart hasserfüllten männlichen Nachkommenschaft konfrontiert: Das Messer in der Hand stehen sie hinter ihren Vätern und träumen von besonders qualvollen Todesarten im Kopf.

Wenn die Kinder dann die Erkenntnis überfällt, dass sie nicht zum Vatermörder taugen, wie Andreas Altmann in seinem "Das Scheißleben meines Vaters, das Scheißleben meiner Mutter und meine eigene Scheißjugend", dann rettet das den literarischen Vätern zwar das Leben, macht die Lektüre der autobiografischen Romane und Berichte aber nicht weniger beklemmend.

Denn das Schlimmste dabei ist: Man kann den Hass der Söhne vollkommen verstehen. Man gäbe ihnen sofort mildernde Umstände, wenn alle täten, was der Junge in David Vanns autobiografisch grundierten Novelle "Im Schatten des Vaters" (Suhrkamp) mit seinem vollkommen depressiven, vollkommen kranken Erziehungsberechtigten tut, der ihn mit obskuren pädagogischen Plänen für ein Jahr in die Wälder von Alaska mitgenommen hat und beinahe erfrieren lässt: erschießen nämlich. Durch Zufall. Vielleicht. Wahrscheinlicher, weil der 13-Jährige es nicht mehr aushielt, missbraucht zu werden. Nicht körperlich. Seelisch.

Jahrzehntelang hat sich Vann am seelentötenden Trauma abgeschrieben, das Vater hieß. Wie Andreas Altmann. Wie der Schotte John Burnside. Auch der macht sich in "Lügen über meinen Vater" auf den Weg zu den Urgründen seiner psychischen Wunden. Als er zusehen musste, wie der Vater, ein Nichts, ein Säufer, die Mutter ruinierte, wie er alles um ihn herum in einen finsteren Abgrund aus Alkohol und Hass und Verzweiflung zog. Einen Abgrund, dem der Sohn nicht entkommen konnte. Aus dem es nur einen Ausweg gab - das Schreiben. Therapeutisch ist das trotzdem nicht. Weder Burnside noch Vann glauben an Selbsttherapie durch Literatur. Und selbst bei Altmanns "Scheißleben"-Überlebensreportage, dem ausgestelltesten, dem offensten autobiografischen Buch dieser Troika, hat man als Leser nicht eine Seite lang das Gefühl, als Analytikercouch missbraucht zu werden.

Altmanns Reisebericht durch eine verheerende Jugend im legendären oberbayerischen Wallfahrtsort Altötting, dem finsteren Zentrum eines zur Tyrannei verkommenen Katholizismus (so jedenfalls sieht es Altmann), die jetzt erschienen ist, stellt nichts weniger als die Schlusssteigerung dieser familiären Kampfzonenliteratur dar. Auch Altmann, Kischpreisträger und reichlich begnadeter Reisereporter - hat lange gebraucht, bis Sprache werden konnte, was seine Scheißjugend war, hat sich gut 20 Jahre therapieren lassen, ist weit weg in die Welt gefahren, um dann doch an den Tatort eines Seelenmordes zurückzukehren. Die Geschichte ist eine ins Groteske gesteigerte Version der Burnsideschen Jugend. Der Vater, der die Mutter demontiert, die Kinder prügelt, Arbeitsdienste. Es eruptiert in Beleidigungstiraden, dieses Buch. Es kennt keine Gnade mit dem Katholizismus. Es rennt wie Burnsides Roman mit Wut und Scham und Verzweiflung ein letztes Mal an gegen den Vater, auf der verzweifelten Suche nach irgendwas Menschlichem, Restbeständen eines Herzens, an irgendwas, an das sich anknüpfen ließe. Und es zeichnet das durchaus archetypische Bild bundesrepublikanischer Väter, die selbst nur versehrte Väter hatten, die durch Krieg und Faschismus zusätzlich versehrt zurück kamen und den Krieg und die Kälte in ihre Familien trugen.

Dass Söhne nicht werden wollen wie ihre Väter, muss aber kein Naturgesetz sein. Die Chancen für einen Frieden zwischen den Generationen stehen nicht schlecht, der Schatten von Krieg und Faschismus verblasst, die Rollenmodelle ändern sich. Das wäre dann zwar schade um die große Vater-Sohn-Kriegsliteratur, die es dann nicht notwendig geben müsste, aber was ist schon Literatur?

Andreas Altmann: Das Scheißleben meines Vaters, das Scheißleben meiner Mutter und meine eigene Scheißjugend. Piper, 254 Seiten, 19,99 Euro.