Huxley

Bob Geldof spielt mit seiner eigenen Vorgestrigkeit

Zyniker bezeichnen Bob Geldof oft als "Weltretter" oder, politisch weitaus fragwürdiger: als "Gutmensch", weil er der Hauptinitiator von Benefizveranstaltungen wie Band Aid und Live Aid ist.

Vergeblich fast, so scheint es, versucht er dem Image des good guy musikalisch entgegen zu wirken, wenn auch oft etwas unentschlossen wie auf seinem neuen Album "How To Compose Popular Songs That Will Sell". Zwar macht er fast alles richtig, färbt die grauen Haare nicht, ersetzt alte Weggefährten nicht durch jüngeres Personal, doch wirkt Geldof seit zwei Jahrzehnten im Popgeschäft zunehmend deplatziert, auf der Suche nach einem passenden, altersgemäßen Sound. Live gibt er zwar immer noch den Punk der Boomtown Rats, jener Band, mit der er seine größten Erfolge, wie man so sagt, feierte. Ein wenig ratlos und grimmig wirkt er bei seinem Auftritt in Berlin dennoch.

Den Auftakt im Huxley's bildet der von Akkordeon, Geige und Flöte getragene Folksong "The Great Song Of Indifference", bei dem man kurz nicht sicher ist, ob man sich nicht auf einen Mittelaltermarkt verirrt hat. Eine Fehleinschätzung, die Geldof sogleich mit dem stumpfen Bluesrocker "Systamatic 6-Pack" korrigiert, in welchem er absichtlich jeden Ton versemmelt und seine berühmten, schlaksigen Marionettenbewegungen zeigt.

Der Tiger ist müde geworden

Geldofs Ansagen sind großteils launisch: Kaugummi kauend zieht er sein Publikum immer wieder damit auf, dass man ihn zwei Tage zuvor in Wien, an seinem 60. Geburtstag, gebührend gefeiert hätte. Millionen von Menschen seien aus diesem Anlass herbei geströmt, scherzt er. Dagegen bleibt die Stimmung in Berlin tatsächlich gedämpft, vorerst. Das zähe "Dazzled By You" ändert daran noch wenig, im Gegenteil, wird erst hier richtig deutlich, wie vorgestrig diese Musik ist, die auf einer Ü-40-Party nicht unpassend wäre. In den Instrumentalpassagen rotten sich die Musiker zusammen und für die Soloeinlagen gibt's den gebührenden Szenenapplaus. Mit einem anderen Bob verbindet Geldof das Geraune und Genuschel in ruhigeren Stücken, etwa im Country-Schunkler "Harvest Moon".

Dass die Hits schließlich in der zweiten Hälfte des Konzerts angesiedelt sind, unterliegt den popkulturellen Gesetzmäßigkeiten auf nur allzu vorhersehbare Weise. Wer mit Karrierebeginn ein paar Chart-Erfolge verzeichnen konnte, die später jäh ausblieben, der muss sich eben fortwährend vor der "Oldie"-Falle in Acht nehmen. So zelebriert Geldofs Band die Boomtown-Rats-Klassiker "When The Night Comes" und das Reggae-infizierte "Banana Republic" in lärmenden, wuchtigen Versionen. Zum unvermeidlichen, aber großartigen "I Don't Like Mondays" tigert Sir Bob wie gewohnt zwischen den Gesangsparts herum, rauft sich die Haare und reckt wieder die Faust wie einst bei Live Aid 1985. Aber ach, wie müde ist dieser Tiger! Er würde sich so gern einfach mal ausruhen.

Nächste Deutschlandkonzerte in Köln (heute), Hamburg (11.10.), Hannover (12.10.) und München (13.10.).