Kunstsache

Alles so schön unbunt: Weiß ist die Trendfarbe der Kunstsaison

Trendfarben sind etwas Albernes. Interessieren Sie sich wirklich dafür, ob jetzt zum Herbstanfang Gelb, Violett oder eher "Petrol" zum Siegeszug auf den Bürgersteigen antritt? Die Kunst kennt keine Trends. Denkt man.

Mein Galerienrundgang in dieser Woche ließ mich jedoch stutzig werden. Sollte es doch so etwas wie Trendfarben in der Kunst geben? Wenn ja, dann ist die Farbe der Saison: Weiß. Weiß bedeutet inhaltliche Reduktion, analytische Klarheit. Im weißen Licht sind aber alle anderen Farben erhalten; Weiß suggeriert also auch Überfluss.

Damit wären wir schon bei der Ausstellung von Cosima von Bonin. Sie hat in der Galerie Buchholz eine Ausstellung eingerichtet, die von variantenreicher Unbuntheit beherrscht wird. Im Eingang grüßten mich sofort zwei weiße Riesenbikinis von der Wand. In einer Ecke hing eine alte Zeitung, auf der sich Vögel erleichtert haben. Weiß auf Schwarz-Weiß. Im Nebenraum entdeckte ich ein wunderbares Stoffobjekt, das aus 87 unbenutzten blütenweißen Herrentaschentüchern zusammengenäht war. Auf einem Tisch lagen Stoffpuppen übereinander: Bart Simpson und Duffy Duck. Sie waren knallbleich, als hätte ihnen ein plüschvernarrter Vampir das Puppenblut ausgesaugt. In allen Räumen übertrugen Lautsprecher das Kriseln elektronischer Störgeräusche. Weißes Rauschen. Ich mochte es sehr, wie von Bonin die entleerten Zeichen des Alltags so dicht zusammendrängt, dass man nur noch ein rätselhaftes Gewirr übrigbleibt. (Bis 26. November, Fasanenstr. 30, Charlottenburg).

Das genaue Gegenteil, nämlich das reduzierte, analytische Weiß begegnete mir dann bei Capitain Petzel. Im "White Cube" der Galerie hat der New Yorker Künstler Blake Rayne eine eher leere Ausstellung. Vor einer Wand standen drei Kartons, die er mit groben Pinselschwüngen weiß gestrichen hat. An der Gegenseite hing eine weiß grundierte leere Leinwand, auf die er schwarze Buchstaben aus Filz geklebt hatte: RSVP. Répondez s'il vous plaît. Antworten Sie bitte! So etwas steht immer auf Einladungskarten. Bei Filz denke ich an Beuys. Genauso wie ein umgedrehter Fahrradrahmen ohne Räder, den Rayne mitten im Raum abgestellt hat, ein Verweise auf Duchamps "Roue de Bicyclette" war: eine legendäre Skulptur von 1913, die aus einem Fahrrad-Rad und einem Hocker besteht. Mir war schnell klar, dass Rayne vollständig in dem Universum lebt, dass man Kunst nennt. Dass er dabei aber so die Welt um sich herum vergisst, fand ich doch etwas schade. (Bis 29. Oktober, Karl-Marx-Allee 45, Mitte)

Das dritte farbreduzierte Ausstellungserlebnis dieser Woche hatte ich in der Galerie Thomas Schulte. Eigentlich fand ich die Ausstellung von Michael Müller nicht besonders, aber ein Werk gefiel mir sehr: Durch einen schmalen Gang betritt man einen Raum, dessen Wände und Boden weiß gefliest ist. Die Decke ist schwarz gestrichen, dabei sind einige Rinnsale die Fliesen hinuntergelaufen. Teilweise hat Müller die Farbe auf der Wand verschmiert. Das sieht dann ein wenig aus wie informelle Malerei. Wäre die Farbe nicht Schwarz, sondern Rot, könnte man auch an Blut denken. An einen Schlachtraum. Flackerlicht verstärkt das Geisterbahngefühl noch: An einer Wand morst eine kalte Leuchtstoffröhre den Text aus der Hades-Episode von Homers "Odyssee". Eine knochenbleiche Skulptur auf einer farblosen Säule zeigt einen dreiköpfigen Hund: Cerberus, den Torwächter der Unterwelt. Ich hatte spontan das Eindruck, dass Müller hier einen Folterkeller der Malerei gebaut hat. Dafür musste er die denkbar böseste Farbe überhaupt wählen: das grelle, reine, kalte, klinische Weiß. (Bis 5. November, Charlottenstr. 24, Mitte)

Jeden Sonntag schreibt Tim Ackermann, Kunstkritiker der Berliner Morgenpost, über Berlins Galerien