Jasmin Wagner

"Es ist wie Urlaub von mir selbst"

"Alexandra war leicht entflammbar. Ein lebenshungriger, zerrissener Mensch", erklärt Jasmin Wagner und zeigt damit ein Problem auf. Ab nächsten Sonnabend wird das ehemalige Techno-Girl Blümchen im Schlossparktheater Steglitz in die Rolle der legendären, viel zu früh verstorbenen Sängerin schlüpfen, doch die Darstellerin ist aus einem ganz anderen Holz geschnitzt als die Hauptfigur.

Unkompliziert, mädchenhaft und nett sind Worte, die Wagner charakterisieren. Doch selbst wenn diese beiden Frauen wie Feuer und Wasser sind, sollte man nicht die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und "Nein, Blümchen spielt Alexandra" schreien - wie auf Facebook geschehen. Denn auf den zweiten Blick haben die beiden etwas Entscheidendes gemeinsam.

Alexandra wurde mit 23 Jahren entdeckt, ihre tiefe, melancholische Stimme und ihr Talent fielen in den 60er-Jahren sofort auf. Ihr Manager Hans R. Beierlein machte den markanten Bubikopf zum Schlagerstar mit Hits wie "Zigeunerjunge" oder "Sehnsucht". Doch sie hasste den Folklore-Kitsch, "Sehnsucht" sang sie nur ein einziges Mal - unter Tränen für die Plattenaufnahme. "Wie es ist, erfolgreich zu sein und in einer Maschinerie drin zu stecken, kann ich gut nachvollziehen", erklärt Jasmin Wagner. Sie war 15, als ihre Karriere startete und sie mit Hits wie "Kleiner Satellit (Piep, piep)" in den Pop-Olymp katapultiert wurde. Es folgten Millionen verkaufter Alben, Chartserfolge von Norwegen bis Japan und Konzerttourneen rund um den Globus, die das Mädchen zur erfolgreichsten deutschen Sängerin der neunziger Jahre machte.

Blümchen ließ sich verblühen

"Es war eine tolle Zeit, aber kein Zuckerschlecken", sagt die heute 31-Jährige und nippt an einer Tasse grünen Tee. Gerade als sie mehr Einfluss nehmen und selbst komponieren mochte, fiel ihr auf, dass sie wie ein Produkt behandelt wurde. "Es ist in dem Alter schwer zu ertragen, wenn eine Riege von Verlagsmenschen, Plattenleuten und Management über die zwei pummeligen Teenagerpfunde reden, die man zuviel auf den Hüften hat. Das verletzt." Man hört dabei die Ernsthaftigkeit in ihrer Stimme. Die meiste Zeit jedoch liebt sie ihr Popstars-Dasein und geht voll darin auf. "Ich war Teenager, ich liebte Euro-Trash", erinnert sie sich. Sie hat immer noch das pausbäckige Lächeln wie früher. Es fällt schwer, nicht mehr "Blümchen" zu ihr sagen, doch die Hamburgerin ist erwachsen geworden.

Alexandra hasste die Musik, hasste die Branche. Sie wollte Chansons singen, selbst komponieren und vor allem ihren eigenen Weg gehen. Sie war eine alleinerziehende Mutter, die Kind und Karriere unter einen Hut brachte und trotzdem Affären mit Adriano Celentano und Carlos Jobim hatte. Ein Skandal! "Sie hat viel mehr ihre Dämonen ausgelebt als ich", gesteht Jasmin Wagner. Im Gegensatz zu der aufmüpfigen Sängerin hat sie ihr Sauberfrau-Image stets gewahrt. Keine Affären, Alkohol- oder Drogenexzesse, kein Burnout oder rasierter Schädel. "Als meine Mutter die Bilder von Britney mit Glatze sah, sagte sie: 'Siehst du, die hatte einfach niemanden, der so gut aufgepasst hat'."

Blümchen hat im Gegensatz zu Alexandra einen Schutzschild aus Mutter, Management und Bodenständigkeit: "Nach einem erfolgreichen Konzert musste ich trotzdem mein Zimmer aufräumen." Man spürt dass sich sie, trotz des frühen Ruhms eine Bodenhaftung bewahrt hat. Mit dem Erwachsenwerden kam jedoch der Bruch. "Ich habe es so lange gemacht, wie es Spaß brachte, dann zog ich die Reißleine", erklärt sie den unkonventionellen Schritt, mit 21 Jahren Blümchen verblühen zu lassen. Ein Schritt, der viel Mut erforderte. Viele andere hätten eine so erfolgreiche Marke nie aufgegeben und würden lieber wie Jürgen Drews immer noch mit "Ein Bett im Kornfeld" durchs Land tingeln. Jasmin dagegen wollte ein neues Abenteuer, nahm Schauspielunterricht in Amerika und steht seitdem auf den Theaterbühnen Deutschlands. Sie genießt es, in andere Rollen zu schlüpfen und auf diesem Weg ihre Dämonen auszuleben: "Es ist ein bisschen wie Urlaub von mir selbst."

Während Alexandra an dem Rollenwechsel zerbrach, verläuft er für Jasmin Wagner scheinbar reibungslos. Doch man darf nicht vergessen: Sie ist ein Medienprofi, was schon ihre perfekte Aussprache zeigt, die partout nicht zu dem aufgeweckten Lockenkopf passen will. Sie weiß, was von ihr erwartet wird, und bedient das Image des Glückskinds perfekt. Doch auf Nachfrage erzählt die Sängerin, Moderatorin und Schauspielerin auch von Ängsten und Enttäuschung. "Du probierst rum, schreibst Songs und dann kommt etwas raus, das nicht gut genug ist", bilanziert sie ihre ersten musikalischen Schritte nach Blümchen. Sie gab nicht auf, verwarf das erste Album, fing von vorn an, suchte nach ihrem künstlerischen Ausdruck - ähnlich wie Alexandra. Das Album "Versuchung" wird mit Lob überschüttet, aber kein kommerzieller Erfolg. "Das größte Wunder ist doch, dass der Kritikerschreck Blümchen als Jasmin Wagner ein Album herausgebracht hat, das geachtet wurde", sagt sie.

Alexandra ließ sich aufreiben

Es klingt nicht nach Verteidigung. Sie definiert Erfolg inzwischen anders und ist genauso glücklich, vor nur 100 Leuten aufzutreten als vor 10 000. Jasmin Wagner ist nicht neidisch auf Blümchens Erfolge.

Jasmin Wagner und Alexandra verbindet eines: der absolute Wunsch nach Selbstverwirklichung, nach einem Leben voller Herausforderungen. Jasmin Wagner hat es geschafft, für Alexandra war es zu spät. Von den Kämpfen aufgerieben, tablettensüchtig und depressiv, verunglückte sie bei einem Autounfall tödlich. Ironischerweise wurde gerade ihr selbstgeschriebenes Öko-Lied "Mein Freund der Baum" nach ihrem Tod zum Hit.