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Hauptsache, der Musiker kriegt nichts ab: Rock'n'Roll Wrestling

Früher flimmerte nachts der Fernseher. Mit 15 gab es für viele Jungs nichts Größeres als dem Undertaker zuzuschauen, wie er den eben Besiegten aus dem Ring in einen Sarg schmiss.

Wenn Jeff Jarrett eine Gitarre am Kopf zerschmetterte oder Hulk Hogan seine Nägel im Rücken des Gegners vergrub, johlten die Pubertären. Auf dem Pausenhof stellte man die besten Szenen noch einmal nach. Zu welchem Song die Kämpfer einliefen, das wusste man genau. Beim Bimmeln der Ringglocke verstummte das Playback aber.

"Rock'n'Roll Wrestling Bash" heißt nun das Konzept, dass Wrestling und Rockmusik zusammen führt. Das martialische Ballett, bei dem Sieg und Niederlage von vorne herein feststehen, wird zum Musical. Zur Eröffnung im Berliner K 17 spielt eine Lokalband. Dürre Burschen in Röhrenjeans hauen fleißig Posen raus, Gitarre schleudern nach oben, Ausfallschritt, dazu Schweinerock wie vom Black Rebel Motorcycle Club, nur doppelt so schnell.

"Berlin, wollt ihr Blut sehen?", schreit Dirty Old Man aus dem Ring. Er hat ein weiß geschminktes Gesicht, die Augen schwarz umrandet, viel zu große Schuhe, ein zeitloser Clown. Außen herum stehen Männer wie Auto-Schrauber aus dem Amerika der 1960er: Schiebemütze, Latzhose, Arbeiter-Stiefel, Jeansjacke mit Aufnähern. Das sind Rockabillys, Menschen mit Haartolle, Tätowierungen und Ketten von der Gesäßtasche bis zur Gürtelschlaufe. Die Frauen tragen gerne mal Strapse, eine Corsage. Besonders beliebt scheinen rote Bandanas, Tücher mit Paisley-Muster, die man sich um den Kopf bindet.

Und ja, sie wollen Blut sehen. Mit den Händen trommeln sie auf den Ring. Während der Kämpfe spielt eine Hardcore-Band unerbittliche Instrumentals. Das Schlagzeug bollert, eine Dampflok kurz vor dem Entgleisen. "Gorechestra", ein Kofferwort aus Blut und Musik, nennt sich das Ensemble, das eigentlich eine Hardcore-Band aus München ist und ganz anders heißt. Souverän peitschen sie "Enter Sandman" von Metallica in Ring und Zuschauer. "TNT" von AC/DC kennt auch jeder. Der blutüberströmte Metzger haut dem Lila-Spandex-Transvestiten ein Hähnchen auf die Mütze, das fetzt. "Tanzen oder Zuschauen?", das ist hier die Frage. Ein paar schauen tatsächlich nur auf die Band, die ihre Posen genau so akribisch abspult wie die Kämpfer im Ring.

Wenn am Ende die Kontrahenten des Abends den im Stech-Schritt auftretenden Nazi-Kämpfer mit vereinen Kräften niedermachen und der Rockmob dazu mit erhobener Faust im Kreis springt, ist das freilich Trash, aber keineswegs gefährlich. Morgen wird das dann nachgestellt, wie früher mit 15.

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