Gastdirigent

Zum Auftakt gibt es ein musikalisches Überraschungsei

Überraschungskonzert! Das klingt nach Spiel, Spaß, Spannung und Geschenkpaketen. Nichts wird vorher verraten, weder das Programm noch die Solisten. Der ungarische Dirigent Iván Fischer hat die Idee schon erprobt.

Daheim in Budapest bringt er das Publikum damit einmal im Jahr zum Staunen. Nächstes Jahr wird er Chefdirigent des Konzerthausorchesters. Entsprechend groß ist die Neugier auf seinen Einstand am Gendarmenmarkt.

Es setzt romantische Spezialitäten: Dämonisch und verführerisch lässt Iván Fischer Liszts Mephisto in der Dorfschenke zum Tanz aufspielen. Mahlers "Blumine" entfaltet sanft die Blütenblätter. Bruckners "nullte" Sinfonie hat das Konzerthausorchester noch nie gespielt. Der neue Chefdirigent spricht mit Emphase ins Mikro: "Bruckner dachte, das ist nicht gut genug - aber ich finde das wunderschön."

Noch leidenschaftlicher klingt sein musikalisches Plädoyer. Fischer ist ein Klangästhet, hat den großen sinfonischen Bau fest im Blick, ist dabei aber immer auf der Suche nach reizvollen Zwischentönen. Bis zum flackernden Unwetter des Finales folgen ihm die Musiker mehr als willig. Sie bemühen sich, ihm jeden Wunsch von den sensiblen Fingerspitzen abzulesen. Das Publikum dankt mit lauten Bravorufen.

Die größte Überraschung des Abends ist ein sizilianischer Wirbelwind namens Giovanni Sollima. Sein Cellokonzert "Folktales" hat Iván Fischer schon vor zwei Jahren als deutsche Erstaufführung spielen lassen. Bestimmte Märchen hatte Sollima bei der Komposition nicht im Sinn, dabei wirkt das Stück so plastisch und bildhaft wie Filmmusik. Mit Zirkusmusik ist es auch verwandt. Da purzeln die Hexen, Zauberer, Feen und Kobolde munter durcheinander, fallen atemlos übereinander her, ohne es böse zu meinen.

Zurück in die Zukunft

Geisterhaftes Raunen mündet in eine hyperaktive Achterbahnfahrt mit rhythmisch klatschenden Musikern. Der Komponist schüttelt das Kaleidoskop der Stile, mixt fröhlich Romantik, Folklore, Jazz, Chaconne, Vivaldi und Blechblaskapelle. Sinnlich und effektvoll führt die Collage in anachronistische Klangwelten mit schmeichelnden Melodien und schwungvollen Rhythmen, die niemandem wehtun, die das Publikum sogar begeistern.

Ist das der Wegweiser ins 21. Jahrhundert? Nicht wirklich. Das klingt alles sehr nach gestern und vorgestern. Wenn Fischer nicht nur als Orchestererzieher, sondern auch als Innovator antreten will, kann der "Zurück in die Zukunft"-Stil nicht das Mittel sein. Für den bunten Einstandsabend, um Freunde zu gewinnen, ist das Stück aber ein spektakuläres Bonbon. Es kommt mit einer vergnüglichen, geradezu wollüstigen Wucht daher, der man sich kaum entziehen kann. Und der Komponist am Cello ist eine Erlebenswürdigkeit. Er spielt mit so viel Herzblut, verkriecht sich inbrünstig in sein Instrument, windet sich auf dem Stuhl, wirft das Bein von sich, kann sich in seinem seelischen Ausnahmezustand kaum auf dem Podium halten. Giovanni Sollima ist ein wahrer Entertainer. Die Nummer mit dem Cellokonzert ist jedenfalls eine ganz große Show.

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