Chronik

Brecht und die Geschichte der Welt

Als genialer Verleger hat Leopold Ullstein Ende des 19. Jahrhunderts neue Maßstäbe auf dem Berliner Zeitungsmarkt gesetzt. Mit der "Berliner Zeitung", der "Berliner Abendzeitung", der "Berliner Illustrirte Zeitung" und der 1898 gegründeten "Berliner Morgenpost" nahm er als "liberaler Fortschrittler" nicht nur Einfluss auf die Stadtpolitik jener Jahre, sondern erzielte dank seiner verlegerischen und journalistischen Innovationen auch höchste Auflagen.

Zu Ullsteins Erfindungen zählten Lebenshilfen im Serienformat und Fortsetzungsromane. Und da er eben auch ein begnadeter Vermarkter war, begann er, die lebenskundlichen Ratgeber und in Häppchenform gedruckten Romane als Broschüren und Bücher ein zweites Mal zu verwerten. Der Grundstock für den Ullstein Buchverlag neben dem Zeitungsverlag war gelegt. Offizielles Gründungsdatum wird das Jahr 1903, als die fünf Söhne des 1899 gestorbenen Leopold Ullstein mit Emil Herz erstmals einen Lektor einstellen, der ausschließlich für die professionelle Auswahl und Produktion von Büchern zuständig ist. Über die nunmehr 108-jährige Geschichte des Buchverlags liegt jetzt eine opulente Chronik vor. Das krumme Datum erklärt sich dadurch, dass das 560 Seiten umfassende Werk eigentlich schon zum 100. Geburtstag erscheinen sollte. Das scheiterte damals an redaktionellen Verzögerungen und dem Verkauf der Ullstein Buchsparte an Random House und letztlich an den schwedischen Konzern Bonnier.

Der Verlag mit der Eule

Doch nun ist sie endlich da, die Geschichte über den Verlag mit der Eule, der selbst Geschichte schrieb. Der in den zwanziger Jahren Autoren wie Erich Maria Remarque mit dessen Antikriegsroman "Im Westen nichts Neues" zum Weltruhm verhalf, der Vicki Baums Berliner Großstadtroman "Menschen im Hotel" zu Höchstauflagen verhalf oder von dem Bertolt Brecht als dessen künftiger Autor 1925 an seine Frau Marianne Zoff schrieb: "Ich hab mit Ullstein abgeschlossen, das ist der sicherste Verlag, ein großes Glück..." Als Herausgeberin der Verlagschronik zeichnet Anne Enderlein, freie Lektorin, Autorin und erfahrene Verantwortliche für zahlreiche Anthologien. Das umfängliche Werk ist dank der Beiträge von insgesamt 28 Autoren nicht nur klar gegliedert, sondern auch leicht lesbar, was auf dem literarischen Fundus der Schreiber wie deren angemessen lockerer Formulierungskunst basiert. Unter ihnen Wolfram Göbel, einst selbst Geschäftsführer der UIlstein Buchverlage, Arthur Herz, Sohn des ersten Ullstein-Lektors, Rainer Laabs, von 1987 bis 2002 Leiter der Ullstein Dokumentation und Bibliothek, der legendäre Wolf Jobst Siedler oder Wolfgang Wippermann, Professor für Neuere Geschichte an der FU Berlin.

Was als Ergänzung zum Presseverlag im Buchwesen mit eher leichten Unterhaltungsliteratur und populärwissenschaftlichen Werken erfolgreich begann, wurde sehr bald durch anspruchsvollere Herausgaben erweitert. Dem Bedürfnis des wilhelminischen Bürgertums nach historischer Orientierung folgend, wurde 1904 mit der "Weltgeschichte" das erste editorische Großprojekt gewagt. Aus dem mehrbändigen Werk entwickelte sich im Laufe der Jahre einer der "Klassiker" aus dem Hause Ullstein, Abteilung Buch. Denn nach dem gesellschaftlichen wie politischen Erdbeben in Folge des Ersten Weltkriegs war neue Orientierung nötig. Eine neue "Weltgeschichte" musste geschrieben werden. Das war die Geburtsstunde des Propyläen Verlags, eine Ullstein- Tochter - bis heute in höchstem Ansehen.

Begründet hat ihn der erste Herausgeber Walter Goertz. Entgegen dem Zeitgeist stand er auf der Seite der Weimarer Demokratie. In seinem Vorwort zum zehnten und letzten Band der Propyläen Weltgeschichte schrieb er: "Der Imperialismus... ist höchster Nationalismus, er setzt die eigene Nation über alles Andere und verneint jedes Recht eines Anderen, sobald es ihm im Wege steht.... Diese Stufe des nationalistischen Imperialismus kennzeichnet das letzte Zeitalter bis zur Gegenwart... Der Weltkrieg ist sein Erzeugnis..." Welche Prophetie! Aber mit ihrer weiteren Verbreitung war es vorbei. Wie mit dem gesamten Ullstein Verlag. Die Nazis machten sich den Verlag zur Beute und zwangen die jüdische Familie Ullstein zur Flucht ins Ausland.

Ein schwerer Neuanfang

Der Neuanfang nach dem Krieg war schwer, auch wenn mit Golo Mann der alte Geist der ullsteinschen "Weltgeschichte" wieder belebt, mit der Übernahme durch den Axel Springer Verlag Ullstein auf ein solides finanzielles Fundament gestellt und unter der Ägide von Wolf Jobst Siedler in den Sechzigern und Siebzigern mit dessen aufwendigen "Propyläen Kunstgeschichte" und Bucherfolgen so unterschiedlicher Autoren wie Albert Speers "Erinnerungen", Joachim Fests "Hitler - Eine Biographie" oder Ephraim Kishons Taschenbuchreihe altes Renommee zurückgewonnen wurde - die einst so erfolgreiche Symbiose zwischen Zeitungs- und Buchverlag konnte dauerhaft nicht wiederbelebt werden. Die Bücher fraßen zu viel von dem, was die Zeitungen verdienten. 2003 verkaufte Springer den Ullstein Buchverlag. Der hat nach einem Umweg über München wieder nach Berlin zurückgefunden.

Dorthin, wohin er gehört. Denn Ullstein ist nicht nur ein großes Stück deutscher Verlagsgeschichte, der Name gehört zu Berlin wie der von Mendelssohn, Siemens oder Borsig. Die endlich vorliegende Chronik als späte Ergänzung zur dreibändigen Jubiläumsausgabe "Hundert Jahre Ullstein" birgt Lesefreude und Fundgrube zugleich für alle, die an der gedruckten Geschichte einer großen Berliner Familie, die schicksalhaft Spiegelbild dieser Stadt ist, interessiert sind.

Die Ullstein Chronik Hg.v . Anne Enderlein, Ullstein Buchverlage Berlin, 560 Seiten, 49,90 Euro (ab Montag im Buchhandel)