Lesung

Wolf Biermann schmückt sich mit Shakespeare

Wolf Biermann kann beides: hohe Dichtung und Volkspoesie. "Mein Liebchen ist noch halb ein Kind", dröhnt er mit rauer Stimme im Berliner Literaturhaus, stampft mit dem Fuß zu harten Gitarrenanschlägen.

Der bekannte Liedermacher hat sein ganz persönliches Sammelsurium an Texten aus aller Welt übersetzt und in Buchform gebracht. "Fliegen mit fremden Federn" heißt das Biermannsche Potpourri, das nächste Woche bei Hoffmann und Campe erscheint. Lieder und Gedichte von Alexander Pope, Bob Dylan, EvaMaria Hagen, Yves Montand, Savopoulos, Paco Ibáñes und Shakespeare stehen darin nebeneinander.

Bei seiner Lesung in Berlin brüllt Biermann erst mal mit der Mimik eines besoffenen Droschkenkutschers seine Version eines Gassenhauers von Robert Burns heraus. Doch plötzlich geht der Dampflok unter den deutschen Liedermachern die Puste aus. Ratlos blickt er zu seiner Ehefrau: "Pamela, wie ist der Text?" Die blättert hastig in der ihr eigens gewidmeten Sammlung und souffliert schnell: "Wir sind vom Saufen durstig, Mann." Keine drei Sekunden später erklingen wieder die derben Akkorde und Biermann verwandelt sich in den lautstarken Trunkenbold zurück.

Dass er aber nicht nur plebejische Folklore in seine Sammlung integriert hat, zeigt der politische Gitarrenvirtuose ebenfalls auf der Bühne des Literaturhauses. Der Liederschreiber und Lyriker hat sich mit den fremden Federn des großen englischen Dichters geschmückt und eine Auswahl seiner Sonette ins Deutsche gebracht. Shakespeares berühmtes "Tired with all these, for restful death I cry" heißt auf Biermann: "Müd, müd von alldem, schrei ich nach dem Schlaf im Tod." Keine Gitarre erklingt zu diesen Versen. Ergraut, erschöpft und lebensmüde liest Biermann die kapitalen Zeilen.

Nachdem er das 66. Sonett mit einer Weltumarmungsgeste im Auftrag der Liebe beendet, erkundigt er sich zum Schluss beim Publikum, ob es nicht ein bisschen anmaßend wäre, einfach mal so Shakespeare zu übersetzen. Niemand findet den Mut, dazu ehrlich Stellung zu beziehen. "Darf man das?", fragt Biermann noch einmal rhetorisch, runzelt die Stirn und erklärt bauernschlau: "Na klar, aber nur, wenn mans kann."