Geitels Geschichten

Wechselhafte Tosca

Es gab eine Zeit, da wurde man nicht müde, den 11. Juni musikalisch zu feiern. Es war der Geburtstag von Richard Strauss, und je älter der wurde, desto herzlicher und ergriffener sah er sich gefeiert.

Und an der Spitze seiner musizierenden Untertanen (so wird man sie ja wohl nennen dürfen), warf sich ein berühmtes Ehepaar in die Brust: Clemens Krauss, der Dirigent, und Viorica Ursuleac, die Sopranistin aus Rumänien, seine Frau, die es sich schon vorab nicht hatte nehmen lassen, die Uraufführungen von "Arabella", die Marie im "Friedenstag" und die Gräfin in "Capriccio" zu singen. Ihr und Clemens Krauss hat der dankbare Richard Strauss denn auch den "Friedenstag" gewidmet. Das war 1938. Der Krieg machte dem Erfolg alsbald leider den Garaus.

Am 11. Juni 1939 wurde Richard Strauss 75 Jahre alt. Zwei Monate zuvor hatte er noch höchst persönlich am Pult der Philharmoniker gestanden und seinen "Don Juan", die "Burleske für Klavier" und die "Symphonia domestica" eigenhändig dirigiert: kein leichtes Programm. Nun aber hatte für das philharmonische Geburtstagsständchen Clemens Krauss die Programmwahl bestimmt und dabei natürlich für seine liebe Frau eine Serie von Orchesterliedern eingebettet, die man ja ziemlich selten zu hören bekommt.

Keine Frage: ich musste dabei sein. Und mein Autogrammbuch natürlich auch. Die beiden waren so ziemlich die ersten in meinem Autogrammbuch. Viorica zeichnete ihren Namen mit riesigem "V" aufs Papier, als meine sie, ich würde ihren Namenszug später sticken. Krauss wiederum machte aus seinem "Clemens" geradezu ein durchdrehendes Buchstabenkarussell.

Die Ursuleac, die ich später noch häufiger hörte, bevor sie mit ihrem Mann nach München übersiedelte, wo er die Leitung der Staatsoper übernahm, ist mir vor allem als meine allererste Tosca in Erinnerung geblieben. Puccinis Werk war die Lieblingsoper meiner Mutter und so knöpfte sie denn auch für uns beide die Geldbörse auf, und ich durfte für zwei Karten anstehen: Staatsoper, 2. Rang, 1. Reihe Seite, 8 Mark 50 pro Stück. Der Grund für den ungewöhnlich hohen Preis lag natürlich darin, dass sich ein hochwillkommener Gast für die Tenorpartie des Cavaradossi angesagt hatte: Jan Kiepura, der singende Herzensbrecher aus Polen, den inzwischen selbst der Film erfolgreich für sich vereinnahmt hatte. Er sah bestrickend aus und verfügte über eine durchaus verführerische Stimme. Er war sozusagen unter den Tenören der Held des Tages im italienischen Fach. Und leider sang er an diesem Abend auch seine Partie in italienischer Sprache, während rund um ihn her alles auf Deutsch sang. Bis auf die Ursuleac. Immer, wenn sie es mit Cavaradossi zu tun bekam, wechselte sie die Sprachen und gesellte sich seinem Sing-Italienisch zu. Trat Robert Burg, der Bösewicht der Oper, als Scarpia ihr nach Vorschrift vergewaltigungslustig zu nahe, wechselte sie blitzschnell ins Deutsche über. Sie schlug, singend, alle Rekorde der Zweisprachigkeit und ließ sich schon dafür bewundern.

Nach dem Tode von Krauss, 1954, geriet sie in Not. Der Staat sprang glücklicherweise bei, ihr zu helfen. Viorica Ursuleac, meine unvergessene erste Tosca, ist 1985 gestorben.

Klaus Geitel, Musikkritiker der Berliner Morgenpost, schreibt wöchentlich über seine Begegnungen mit Künstlern