Literaturnobelpreis

Der stumme Poet

Seit 1993 hat der Schwede Tomas Tranströmer jedes Jahr auf den Listen für den Literaturnobelpreis gestanden. Trotzdem glaubte in Stockholm, wo er mit seiner Frau lebt, niemand mehr so recht daran, dass er einmal den wichtigsten Literaturpreis der Welt bekommen würde.

Als Jurychef Peter Englund gestern den Namen des 80-Jährigen dann doch verkündete, brauste Applaus auf. Obwohl hierzulande wohl nur wenige seinen Namen kennen werden, seine Werke wurden in mehr als 50 Sprachen übersetzt - für einen Lyriker ein beeindruckender Erfolg.

Tomas Tranströmer ist ein würdiger Nobelpreisträger. Schweden jubelt, natürlich - und mit ihm freuen sich die Lyrikfreunde. Vor allem diejenigen, die statt abstrakter Philosophie oder politischer Bekenntnisse die klare, konzentrierte und musikalische Sprache bevorzugen. Denn wenige Autoren haben die Dichtung der klassischen Moderne so bereichert wie der am 15. April 1931 in Stockholm geborene Tomas Tranströmer.

Und keiner hat dabei die Innovationen in einem so schmalen Werk konzentriert wie er. Der lange Zeit in Västeras ansässige Schwede, den es nach einem Schlaganfall 1990, der seine Sprache beeinträchtigt, wieder in die schwedische Hauptstadt zog, hatte in "Die Trauergondel" (1996), die sich in einer für Lyrik erstaunlichen Auflage von 30 000 Exemplaren verkaufte, sein großes Comeback. Wie unbeirrt tapfer er gegen die Zerstörung seines Sprachzentrums anschreibt!

Psychologe einer Jugendstrafanstalt

Seine Imaginationen und Visionen scheinen geradewegs dem Alltag entsprungen zu sein. Den hat der einstige Student der Literatur- und Religionsgeschichte sowie der Psychologie als Angestellter am Psychologischen Institut der Universität Stockholm kennengelernt, vor allem aber von 1960 bis 1965 als Psychologe an der Jugendstrafanstalt Roxtuna bei Linköpi. Ab 1966 arbeitete er als Berufsberater für Arbeitsämter in Hallstahammar, Surahammar und Västeras. Das hat seinen Blick auf Menschen geschärft und ließ ihn eine künstlerische Methode entwickeln, die optische und akustische Wahrnehmungen in metaphorischen Verknüpfungen und Vergleichen festhält, die verborgene Zusammenhänge im präzisen Sprachmuster sichtbar machen. Bereits sein erster Band "17 Gedichte" im Jahre 1954 wirkte wie ein Affront gegen eine Poetologie, die vom Dichter in Zeiten des Kalten Krieges vordergründiges Engagement und Stellungnahmen verlangte.

Tranströmers Gedichte standen von Anfang an über dem Tagesgezänk und lebten von einem Bewusstsein, das die Welt umfasste und dabei die konkreten Dinge und Verhältnisse einschloss. Seine natürliche, von alltäglichen Gegenständen ausgehende Sprechweise bot ganz natürliche Menschheitsentwürfe, die die Risse der Zeit benannten und dennoch eine große musikalische Ruhe ausstrahlten. Aus seiner Autobiographie wissen wir: Die Form fand er zuerst bei Catull- und Horaz-Übersetzungen.

Geschult an antiken Versmaßen wie der sapphischen Ode, an den Romantikern, dann aber die Verfahrensweisen der Surrealisten nutzend, berief er sich bald auf einen Satz des Publizisten Bo Grandien: "Das Entscheidende ist die Vision." Anders als die Surrealisten begann er die fließenden Assoziationsketten seiner Bilder zu ordnen, Formen zu entwickeln, die Realitätsfetzen und Imaginationen nicht bloß verschränken, sondern zu unauflösbaren Einheiten verschmelzen. Das ganze Gedicht wird dabei zur Metapher, zum lyrischen System, das sich der außerliterarischen Deutung entzieht, weil es den Diskurs in sich selbst organisiert.

In den Versen Tranströmers vollzieht sich für den Leser ein befreiender Akt. Die mit wenigen Worten geschärften Sinne nehmen die geringfügigsten Bewegungen der Dinge wahr, deuten sie als mehr oder weniger absurde Zeichen universeller Prozesse. Die Titel der Gedichtbände, die in mehr als dreißig Sprachen übertragen wurden, sind bezeichnend: "Geheimnisse auf dem Weg" (1958), "Klänge und Spuren" (1966), "Pfade" (1973). Die perfekten, sparsam jede Geste zum Klingen bringenden deutschen Übersetzungen Hanns Grössel sind treffend selbst in den haikuhaft kurzen Versen. Man lese "Das große Rätsel". Die Bewegungen der Reisen, die Tranströmer nach Griechenland, in die Türkei und auf den Balkan, nach Italien, Portugal, Spanien, Nordafrika und Ägypten unternahm, strukturieren seine Lyrik. Unterwegs in Zügen, Kanus, Gondeln und in allen denkbaren und undenkbaren Fortbewegungsmitteln stoßen die Figuren seiner Verse unentwegt ins Offene vor, über "äußerste Plateaus" hinaus, "Längs der Grenze des Seins", wie es im Gedicht "Die Steine" heißt. Sie sind von philosophischer Tiefe und zugleich von verblüffender Einfachheit: "Wer aufs / Meer hinaus wandert, / kehrt erstarrt wieder."

Alle Orte sind Durchgangsstationen, alle Bewegungen Transformationen, und dennoch wirken Tranströmers Gedichte wie tröstliche Haltepunkte in den Wirrnissen durch alle Zeiten und Räume: "Ein Engel ohne Gesicht umarmte mich / und flüsterte durch den ganzen Körper: / Schäm dich nicht, Mensch zu sein, sei stolz! / In dir öffnet sich Gewölbe um Gewölbe, endlos. / Du wirst nie fertig, und es ist, wie es sein soll."

Täglich spielt er Klavier

In Versen voller Durchsichtigkeit vereint Tranströmer äußerste Gegensätze. Freund und Feind, hell und dunkel halten einander die Waage, ohne dass deren Konturen verwischt werden. Und mitten in der Synthese: das lyrische Ich, das hinausschwimmt "auf die glitzernden dunklen Wasser", auf den Widerschein aller Widersprüche". Poetologische Statements finden sich in allen Büchern Tranströmers. Er kreierte das Gedicht als "Kommunikationsknotenpunkt", als zwischen zwei miteinander verknüpften Begriffen sich befindendes "Drittes, für das es kein Wort gibt" und als Balanceakt im Boot: "Nichts in den Taschen, keine großen Gesten, jegliche Rhetorik muss unterbleiben".

Der Schlaganfall hat Tranströmer teilweise gelähmt und sein Sprechvermögen beeinträchtigt, weshalb er sich seit einigen Jahren als Amateurpianist mehr der Musik als der Literatur widmet, wie seine Frau Monica sagte. Er verbringe seine Vormittage damit, klassische Musik zu hören, und spiele mit seiner linken, unversehrten Hand täglich Klavier. Er ist der musikalische Poet.