"Gedächtnis der Nation"

Unsere Geschichte im Internet

Acht Herren auf einem Podium. Alle wollen zu Wort kommen und zollen sich erst einmal gegenseitig Anerkennung. Früh schwant einem: Das kann zäh werden. Zunächst dankt der Ulli (Hans-Ulrich Jörges aus der "Stern"-Chefredaktion) dem Guido (Guido Knopp, Chefhistoriker des ZDF), und umgekehrt, für die Initiation des Projekts "Unsere Geschichte. Gedächtnis der Nation", das die beiden schon seit fünf Jahren voran treiben.

Darüber seien sie halt auch Freunde geworden, gibt der Ulli freimütig zu. Google-Nordeuropachef Philipp Schindler bedankt sich dafür, dass sein Unternehmen die Technik stellen darf, und Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) verneigt sich, weil der Staat nichts zu dem Projekt dazugeben musste.

"Gedächtnis der Nation" will Videointerviews von Zeitzeugen sammeln und erhalten, "weil die Erinnerung sonst unwiederbringlich verloren geht", sagt Knopp. Der Haushistoriker des Zweiten geizt nicht mit hochtrabenden Begriffen zum Start: Eine "Stunde Null" sei das, "ein großer festlicher Tag". Im Internet sind schon Videos aufbereitet und abrufbar. 1600 Zeitzeugen hat das ZDF aus dem eigenen Fundus eingebracht. Dazu kommen lange Gespräche mit rund 40 sogenannten Jahrhundertzeugen: Helmut Kohl, Helmut Schmidt, Hildegard Hamm-Brücher und Co. Ab heute geht außerdem ein "Jahrhundertbus" auf Interview-Tour durch Deutschland. Start in Berlin, Ende der Fahrt Anfang Dezember in Mainz. Zwei Projekte stünden dabei im Vordergrund, erzählt Jörges: "Die Aufarbeitung der deutsch-deutschen Parallelgeschichte" und das Interviewen "noch lebender Angehöriger des NS-Widerstands". Mit diesen Videos soll das "Gedächtnis der Nation" wachsen. "Oral History" heißt so etwas. Vorbild ist die 1994 von Steven Spielberg gegründete Shoah Foundation, die die Aussagen von mehr als 50 000 Holocaust-Überlebenden aufgezeichnet hat. "Wir wollen in diese Dimension kommen", sagt Knopp.

"Unsere Geschichte" ist das zweite Standbein: Dort soll jeder sein Zeitzeugeninterview hochladen können, was dann von einer Redaktion geprüft und vielleicht Teil des Internetarchivs wird. Wer sich auf der Homepage ( www.gedaechtnis-der-nation.de ) nicht direkt zu den Interviews begibt, sondern sich mithilfe einer Zeitleiste vom Ersten Weltkrieg zu den "Weltmeistern der Herzen" von 2006 hangelt, erhält dort ein kurzes Einführungsvideo zu jedem Thema. Da brüllt dann Hitler, Rosinenbomber knattern über Berlin oder Kennedy sagt, dass er ein Berliner sei. Dazwischen dürfen Zeitzeugen als "Talking Heads" vom "Schicksalstag der Jahrhunderts" sprechen. Knopp-TV im Internet.

Aus Knopps diversen ZDF-Reihen stammen auch die bisher online gestellten Sequenzen. Jörges rief auch andere Medien auf, sich zu beteiligen, ihren Fundus einzubringen: "Alle sind willkommen." Nur müssten sie ihre Rechte an den Bildern an das Projekt abtreten.