Konzerthaus

Der Empfindsame vom Gendarmenmarkt

Am Anfang war das Verlaufen. Das Dirigentenzimmer liegt passenderweise in einer der oberen Etagen, und wie in allen großen Konzerthäusern ist es auch am Gendarmenmarkt ein Irrweg dahin. Kurz: Wir verlaufen uns. Ivan Fischer nimmt es gelassen, noch fremdelt er in den Berliner Hintertreppen.

Noch ist er auch nicht im Amt, 2012 wird er Chefdirigent am Konzerthaus, heute gibt er seinen offiziellen Einstand am Pult des Orchesters. Es nennt sich "Überraschungskonzert". Das Konzertformat praktiziert er bei seinem Budapester Orchester seit Jahren. Der Witz daran: Der ungarische Dirigent verkündet von der Bühne herunter, was gespielt und welcher Solist auftreten wird. Ihm bleibt nur zu wünschen, dass er jetzt in Berlin die richtig guten Namen nennt.

Die Erwartungen an Ivan Fischer sind überraschend hoch. Manche meinen, er könne das Konzerthausorchester in die Topliga bringen - wenn ihm seine Musiker nur bedingungslos genug folgen. Andere kennen ihn gar nicht. Obwohl er regelmäßig am Pult die Berliner Philharmoniker und auch beim Deutschen Symphonie-Orchester zu erleben war. Versuchen wir deshalb mal eine kleine Familienaufstellung der Berliner Spitzendirigenten. Kürzlich wollten Sir Simon Rattle, Chef der Berliner Philharmoniker, und Daniel Barenboim, Chef der Staatsoper, gemeinsam vor laufender Kamera eine Erklärung abgeben. Sir Simon kam fünfzehn Minuten früher, saß allein am Rande und lernte seinen deutschen Text auswendig. Er ist ein Perfektionist, auch in der Selbstdarstellung.

Aufstellung der Spitzendirigenten

Daniel Barenboim kam zwei Minuten vorher mit einer Hand in der Hosentasche hereingeschlendert und begrüßte fröhlich diesen und jenen. Dann stellte er sich neben Rattle vor die Kamera und gab in grammatikalisch mutigem Deutsch ein durch und durch glaubwürdiges Statement ab. Als hinter der Kamera eine Frage zurückkam, schnaubte er kurz auf und erzählte eine Anekdote. Sir Simon verfiel dagegen in sein englischsprachiges Lächeln. Ivan Fischer hätte sich wohl zwischen die Beiden gestellt, einen halben Schritt zurück, und sich womöglich leicht Barenboim zugeneigt. Fischer hätte so etwas gesagt wie: Wir müssen das tun, einfach, weil es das Richtige ist. Auf die oberflächliche Nachfrage hin wäre er leise aus dem Raum gegangen. Musiker erzählen, dass er in Proben auch schon mal das Pult verlässt, wenn er sich missverstanden fühlt. Ivan der Empfindsame.

Ivan Fischer hat seinen eigenen, eher leisen Humor. Auf die Frage hin, was denn ein Chefdirigent nie tun dürfe, antwortet er mit ernster Miene: "Befehle geben, Angst erzeugen, schlagen". Dann blitzen seine Augen fröhlich auf. Er macht eine Dirigierbewegung. Er meine natürlich dieses Schlagen. Das Taktschlagen. Es gibt für Orchestermusiker nichts Schlimmeres, als wenn ein Dirigent ihnen alles bis in Detail vorgeben will. "Damit erschlägt man die Musik", sagt Ivan Fischer.

Nein, der Dirigent versteht sich als alles andere als ein egomanischer Pultdiktator. Er vergleicht den Posten des Chefdirigenten lieber mit dem Trainer einer Fußballmannschaft oder dem Rabbiner in der jüdischen Gemeinde. "Der Chefdirigent ist ein Musiker, Lehrer, Berater, einer, der andere zum Lernen anregt." Dahinter steckt wohl auch die Tradition der Schriftenauslegung. Die Partitur ist für Fischer kein Heiligtum. Er, der Dirigent, bewertet sich viel höher als nur als ein Diener der Musik. Interpreten, und damit auch jeder einzelne Orchestermusiker, haben in seinem Selbstverständnis viel mehr Spielraum. Alles andere würde die Komponisten doch nur gering schätzen, argumentiert Fischer: "Schließlich komponieren sie für den kreativen Musiker, einen, der sie verstehen will, und nicht für einen Untertanen." Das ist seine Psychologie.

Er wurde 1951 in Budapest in eine jüdische Musikerfamilie hineingeboren. Sein Vater, ein Dirigent, hat sich früh um die Ausbildung seiner Söhne gekümmert. Sein älterer Bruder Adam Fischer, Jahrgang 1949, ist heute ebenfalls als Dirigent weltweit unterwegs.

Plädoyer für einen Bildungskanon

Sein Vater habe, so Ivan Fischer, dafür gesorgt, dass seine Kinder in richtigen Schritten an die Musik herangeführt wurden. Das Modell: mit acht Jahren an die "Zauberflöte", mit Zwölf an den "Fidelio" und so weiter. "Es gibt einen Kanon an Werken, den wir immer wieder weitergeben müssen", sagt Fischer. Das ist das Bildungsbürgerliche in ihm. Und das ist wohl auch sein Programm fürs Konzerthaus, auch wenn er sich zu konkreten Plänen gegenwärtig noch nicht äußern will.

Berlin kenne er nicht besonders gut, gibt Fischer zu. Obwohl seine Schwester in Schöneberg lebt. Bislang hat er sich meist im Dreieck Flughafen, Philharmonie, Hotel bewegt. Die Stadt hält er für einen "Magneten für Künstler". Er spüre "hier eine erfrischende Inspiration". Er vergleicht es mit dem Klima der Zwanzigerjahre. Es ist die Toleranz, das Gefühl, sich frei zu fühlen. Ausdrücklich bekennt er sich dazu, ein Europäer zu sein. Das ist für ihn Tradition: "Gerade wir Musiker verkörpern die europäische Kultur und bauen Brücken". Europa, sagt er mit Blick auf die wirtschaftspolitische Krise, ist schon ein gefährdetes Wesen. "Nationalismus ist eine Droge für Loser". Damit ist für den Ungarn alles gesagt.

"Ich bin so wie ich bin", sagt Fischer irgendwann. Es geht um Marketing und Selbstdarstellung. Er mag beides nicht so recht und redet lieber von der Ehrlichkeit als eine Tugend für Musiker. Vergangenen Sonntag hat er im Konzerthaus die Verleihung des "Echo Klassik" dirigiert. Die Limousine war ihm zu glamourös, zum roten Teppich ist er mit Fahrrad gekommen.

Konzerthaus Überraschungskonzert heute um 20 Uhr