Interview

"Alle sagen mir: Du bist zu seltsam"

Der deutsche Rolling Stone nannte ihn 1998 noch "König der Welt, den Herrscher der Rockmusik, den Fürsten der Finsternis". Billy Corgan, Frontmann der Smashing Pumpkins, war auf dem besten Weg unsterblich zu werden. Er schrieb die traurigsten und lautesten, die schönsten und schrecklichsten Lieder zugleich.

Mittlerweile ist von der Urbesetzung der Pumpkins nicht mehr viel übrig. Billy Corgan ist und bleibt die einzige Konstante. 2012 soll nach fünf Jahren ohne ein richtiges Album "Oceania" erscheinen. Einen Plattenvertrag haben die einstigen Ikonen nicht mehr. In der Zwischenzeit veröffentlichten sie digital und kostenlos auf ihrer Homepage. Für ein einziges Deutschland-Konzert kommen die Smashing Pumpkins nun nach Berlin. Am Morgen vor einer Show in Oslo ist Billy Corgan noch müde, er kämpft gegen den Jetlag. Träge macht ihn das nicht, eher angriffslustig. Frédéric Schwilden telefonierte mit dem Musiker.

Berliner Morgenpost: Guten Morgen, Herr Corgan.

Billy Corgan: Guten Morgen. (gähnt.)

Berliner Morgenpost: Schon gefrühstückt?

Billy Corgan: Nein, ich habe mir extra für Sie den Wecker gestellt. Normalerweise stehe ich immer gegen sieben auf. Ich fühle mich immer noch nicht richtig hier, wir sind gestern aus Los Angeles angereist.

Berliner Morgenpost: Zu Ihrer letzten Single "Otawa" haben Sie einen 12-minütigen Kurzfilm über Frauen-Wrestling gedreht. Mögen sie Wrestling?

Billy Corgan: Offensichtlich schon, oder? Ich habe sogar eine Wrestling-Gesellschaft gegründet. Wir möchten Independent Wrestling populär machen. Mir geht es darum, eine Vision zu haben, wie diese Kultur sein könnte, wenn sie vom Underground aufgezogen wird.

Berliner Morgenpost: In diesem Kurzfilm gibt es eine Szene, in der die Promoterin die Kämpferin für den Abend instruiert: Spucken verboten, keine Beleidigungen. Familienfreundliches Wrestling, klingt das nur für einen Europäer seltsam?

Billy Corgan: Eigentlich haben Sie recht. Wrestling ist dazu da, um gesellschaftliche Grenzen zu übertreten. Man ärgert sich, feuert den Helden an, der den Bösewicht verkloppt, das ist aus soziologischer Sicht sehr interessant. In den sechziger Jahren war Wrestling eine rassistische und frauenfeindliche Unterhaltungsform. Eigentlich ist es das immer noch. Deswegen habe ich meine eigene Organisation gegründet.

Berliner Morgenpost: Der Film "The Wrestler" hat gezeigt, dass die glamouröse Welt hinter dem Ring in Wahrheit ganz anders aussieht.

Billy Corgan: Ist das im Rock'n'Roll nicht genauso? Viele der ganz großen Künstler enden doch drogensüchtig, depressiv, suizidal. Ich habe selbst unter Depressionen gelitten. Das Showgeschäft macht dich zuerst süchtig nach Aufmerksamkeit, nach der Liebe des Publikums, und wenn das dann ausbleibt, denkt man, etwas falsch gemacht zu haben.

Berliner Morgenpost: Ihr neues Album ist nach dem Kontinent Ozeanien benannt. Wussten Sie, dass bis auf Papua-Neuguinea kein einziger Staat auf dem Land an einen anderen grenzt?

Billy Corgan: Das passt ziemlich gut. Im Großen und Ganzen handelt das Album von Isolation.

Berliner Morgenpost: Fühlen Sie sich allein gelassen?

Billy Corgan: Ich fühle mich von der US-Kultur allein gelassen. Diese Kultur sagt mir, ich bin zu seltsam, ich bin zu dies, ich bin zu das. Ich würde nicht mehr genug Platten verkaufen, und wenn doch, dann waren sie zu laut, zu komisch. Egal was ich in Amerika tue, es gibt immer jemanden, der mir sagt: Du passt da nicht rein. Und in den Medien feiern sie dann irgendeinen unglaublichen Rapper ab, der zum Mord aufruft. In was für einer Welt leben wir denn?

Berliner Morgenpost: In den online veröffentlichen Songs des Projekts "Teargaden By Kaleidyscope" benutzen Sie sehr viele kindliche Bilder wie Schmetterlinge, die nicht fliegen können.

Billy Corgan: Am Anfang des Projekts habe ich mich nach der Fähigkeit gesehnt, Musik wieder fühlen zu können. Die Musikindustrie, meine Bands, meine eigene Unzufriedenheit haben sich mir in den Weg gestellt und mir meinen Enthusiasmus genommen. Ich glaube, wahre Begeisterung ist unschuldiger, kindlicher Natur.

Berliner Morgenpost: Nach ihrem letzten Album "Zeitgeist" waren Sie antriebslos?

Billy Corgan: Da übertreiben Sie jetzt, das gäbe natürlich eine gute Story. Das Leben ist sehr materiell und Werte beruhen nur darauf, wie oft und wie teuer etwas verkauft wird. Viel verkaufen heißt "gut", wenig verkaufen heißt "schlecht". Dabei liegt der Wert einer Person in ihr selbst oder vielleicht in Gott.

Berliner Morgenpost: Erinnern Sie sich noch an die Arte Sendung "Durch die Nacht mit..."?

Billy Corgan: Die mit Uli?

Berliner Morgenpost: Ja, genau, die mit Uli Roth, dem Gitarristen der Scorpions. Sie trugen da stets eine Flasche Voss-Wasser mit sich herum. Bei anderen Gelegenheiten trinken sie Fiji-Wasser.

Billy Corgan: Ich bin eben ein Fisch.

Berliner Morgenpost: Wussten Sie, dass das Voss-Wasser normales Leitungswasser aus Norwegen ist?

Billy Corgan: Und trotzdem trinke ich lieber Voss als das Osloer Leitungswasser.

Berliner Morgenpost: Warum trinkt man das Wasser, das vier Euro die Flasche kostet?

Billy Corgan: Ich bin nouveau riche, ich muss meinen Wohlstand doch irgendwie zeigen.

Berliner Morgenpost: Stephen Malkmus ist vor kurzem nach Berlin gezogen.

Billy Corgan: Stephen Malkmus von der Gruppe Pavement? Passen Sie auf, bald wird er Sie für seine Probleme verantwortlich machen.

Berliner Morgenpost: Also haben Sie ihn nicht zu Ihrem Konzert eingeladen?

Billy Corgan: Nein. Ganz ehrlich, am liebsten würde ich ihm eins auf die Nase geben.

Berliner Morgenpost: Vielleicht sollten Sie Malkmus zu einer Ihrer Wrestling-Shows einladen.

Billy Corgan: Das ist eine sehr gute Idee. Malkmus ist ja wirklich eine interessante Person. Er ist diese Art von Mensch, der seine Gefühle auf die ganze Welt projiziert. Wahrscheinlich sind wir uns da ziemlich ähnlich. Aber bei ihm heißt das: "Ich wäre viel bekannter, wenn die Leute nur genauso smart wären wie ich."

Berliner Morgenpost: Es ist nicht ungewöhnlich, Menschen nicht zu mögen, die einem sehr ähnlich sind.

Billy Corgan: Haben Sie schon mal "Star Trek" gesehen?

Berliner Morgenpost: Nicht allzu oft.

Billy Corgan: Da gibt es eine Folge, in der Captain Kirk in einem Paralleluniversum gefangen ist, in dem er gegen eine Art Anti-Captain-Kirk kämpfen muss. Ich freue mich auf eine Welt, in der ich Stephen Malkmus besiegen kann.