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Die nächsten drei Minuten auf dem Klo

Als Mutters Freundinnen aus dem Kegel-Klub wissen wollten, was die Tochter denn beruflich so mache, geriet sie in Erklärungsnot. "Silke, was soll ich denen denn sagen?". Aus Jux antwortet sie: "Sag denen, ich kenn' die Backstreet Boys".

Silke Super war damals Künstlerbetreuerin und kümmerte sich um die erfolgreichste Boyband aller Zeiten. Promoterin, Sängerin, eine, die alles mal ausprobiert. Über diverse Abzweigungen, in der deutschen Musik-Branche sind es gar nicht so viele, kommt die gelernte Rechtsanwalt- und Notargehilfin zu MTV. 1997 ist sie schließlich Musikchefin für Deutschland, Österreich und die Schweiz. Die meisten Berliner kennen sie als Moderatorin von MotorFM, jetzt FluxFM. Heute hat sie ihre erste Sendung bei Radio Eins.

Mit großen Kopfhörern über den Ohren kommt sie durch das Portal in den Hinterhof eines asiatischen Restaurants am Hackeschen Markt. Ein T-Shirt mit Rockabilly-Motiv ziert den Oberkörper, Sonnenbrille, ein Schweißband um das Handgelenk, die rot gefärbten Haare hat sie mit einem Haargummi nach hinten gebunden. Auf dem linken Oberarm schwimmt ein Koi, über den rechten ranken Kirschblüten. Silke Super, 43, Radiogesichter sehen anders aus.

Seit Mai steht sie für ZDFkultur vor der Kamera, berichtet von den großen Festivals. Metal in Wacken, Schlamm in Glastonbury, Rap auf dem Splash!, Super ist überall dabei, in der ersten Reihe, hinter den Kulissen, schnauft ins Mikrofon, lacht und redet ohne Punkt und Komma. Sie ist eine unkonventionelle, ungelernte Moderatorin. Eine, die einen Song von Kate Bush im Radio ankündigt, gleichzeitig sagt, dass sie Bush gar nicht mag und deswegen die nächsten drei Minuten auf dem Klo sei. "Bei anderen Sendern hätte ich dafür eine Abmahnung bekommen", ein Lachen in die Miso-Suppe. Bei MotorFM wurde Super durch derartige Moderationen zum Aushängeschild des Senders.

Geboren in Münster, Kindergarten und Einschulung in Berlin, kehrte die Tochter eines Spirituosenhändlers wieder zurück in die Stadt des wohl beliebtesten Tatorts. Boerne und Thiel oder Stark und Ritter? Die Antwort: "Boerne und Thiel, natürlich". 1992 raus nach Hamburg, ohne Plan. "Irgendwas mit Musik" sollte es werden. Es wurde was. Über ein paar Umwege stieg Super zur Musikchefin von MTV auf. Dort wählte die Quereinsteigerin fortan die zu spielenden Clips aus. Später dann der Wechsel zu Viva. 70 Prozent der von ihr gewählten Stücke schafften es durchschnittlich in die Top20 der deutschen Charts, eine Quote, die nach ihr niemand mehr erreichte. Trotz eines Verlängerungsangebots geht sie; der neugeborenen Tochter Li zuliebe. Sie verlässt das untergehende Schiff Musikfernsehen. 2004 dann die Rückkehr nach Berlin, ein Jahr später gehört sie als Moderatorin zum Anfangs-Team von MotorFM.

Im weinberebten Hinterhof weht lauer Fahrstuhl-Jazz, erstmal eine Zigarette nach dem Essen. Die Moderatorin raucht gerne und viel. In Mitte fühlt sie sich zuhause. Nach dem Umzug Motors von Kreuzberg in die Brunnenstraße war hier drei Jahre lang ihr Arbeitsmittelpunkt.

Wo sie denn wohnt? "Sag ich nicht", und das nimmt man der Frau mit den bunten Armen nicht übel. Sie hatte massive Probleme mit einem Stalker. Per Post meldete sich der erschreckend häufig. Zu der Zeit konnte sie bei Moderationen kaum mehr reden, zu groß war die Angst, etwas persönliches Preis zu geben. "Einer hat sich sogar regelmäßig zu meinen Sendungen betrunken, der dachte dann, er rede wirklich mit mir."

Von zehn bis dreizehn Uhr hört man ab heute Silke Super im wöchentlichen Wechsel mit Anja Goertz auf Radioeins. Das Durchschnittsalter der Hörer liegt bei 40,4 Jahren, gefühlt doppelt so hoch wie bei Motor und jetzt Flux. "Ja, Radioeins ist erwachsener, aber was Motor und meinen neuen Sender verbindet, ist die Leidenschaft für hochwertige Musik." Nach einem Latte Macchiato geht's nach Hause, der Tochter zuliebe.