Film

Bildschön geht die Welt zugrunde

Bisher haben wir uns eine Depression eher so versinnbildlicht: Eine Frau in weißem Gewand und Engelsflügeln stützt ihren Kopf in die Hand, ein Knabe berührt ihren Flügel, im Hintergrund strahlt ein Gestirn. So zeigt es Albrecht Dürers berühmter Kupferstich "Melencolia I" anno 1514.

Nun, fast genau 500 Jahre später, gibt es ein anderes und doch ganz ähnliches Sinnbild. Wieder mit einer Frau in weißem Gewand, wieder mit einem Knaben, der sich an sie wendet und wieder strahlt über allem ein Gestirn. Mit seinem Film "Melancholia", der am Donnerstag endlich in unsere Kinos kommt, stilisiert sich Lars von Trier als ein Dürer der Neuzeit.

Depression als Weltenende

Jetzt, ein halbes Jahr nach Cannes, wird "Melancholia" möglicherweise nur wahrgenommen als der Film zu den peinlichen Aussetzern in jener Pressekonferenz, als von Trier über Hitler schwadronierte (und dafür vom Festival zur Persona non grata ernannt wurde). Aber manchmal muss man Künstler vor sich selber schützen. Und das mag in besonderem Maße auf Lars von Trier zutreffen, der nicht nur für seine notorischen Provokationen, sondern auch für Phobien, Ängste und Depressionen bekannt ist. In "Melancholia" zeichnet er nichts weniger als sein eigenes Krankheitsbild - und macht aus seiner Schwermut ein grandioses Kinoerlebnis.

Müsste man für "Melancholia" eine Genre-Schublade öffnen, wäre es eigentlich der Katastrophenfilm. Und an Katastrophen mangelt es im Jahre Drei nach der Finanzkrise wahrlich nicht im Kino. Drei Desastermovies gab es allein auf dem Filmfestival von Venedig, mit "Hell" lief gerade ein deutsches Endzeitszenario, mit "Urban Explorer" kommt demnächst gleich noch eines. Und alle haben sie nichts zu tun mit den typischen Hollywoodblockbustern, in denen die immergleichen Metropolen reißerisch in Schutt und Asche gelegt werden. Aber noch nie kam jemand auf die Idee, den großen Weltuntergang mit einer Depression zu konfrontieren, in eins zu setzen.

"Melancholia" beginnt wie eine Oper, mit einer Ouvertüre. Immer wieder, auch später noch, erklingt das Vorspiel zu Wagners "Tristan". Und man darf bedauern, dass es mit von Triers Nibelungen-Ring in Bayreuth nicht geklappt hat. Denn er fährt hier große Tableaux auf, in denen Kirsten Dunst, in langem Hochzeitskleid, in Zeitlupe durch sattes Grün läuft. In denen Wurzeln sie schwer zu sich hinabziehen, tote Vögel vom Himmel fallen und schließlich ein riesiger Planet auf die Erde kracht. Das sind malerische, betörende Traumgebilde. Es ist, als hielte das Kino den Atem an. Bildschön geht die Welt zugrunde.

Dann erst beginnt der eigentliche Film. In dem Kirsten Dunst Hochzeit feiert. Man verspätet sich ein wenig, die Gäste (starbesetzt bis zum letzten Tisch) sind schon etwas ungeduldig, die Braut macht dennoch gute Miene. Wir fühlen uns stark an "Das Fest" erinnert, jenen ersten Film nach dem Dogma-Manifest, das Lars von Trier einst mit Thomas Vinterberg ausgerufen hat - und an dessen einengende Gebote sich glücklicherweise keiner mehr hält. Wieder wird hier eine Familienfeier zelebriert (wenn auch nicht mehr in nervös verwackelten, sondern plan ausgeleuchteten, lyrischen Bildern). Und wieder ahnt, wittert man jede Sekunde, dass etwas nicht stimmt. Immer wieder zieht es die Braut fort von der Tafel, reißt sie aus, macht sie ein Nickerchen im Kinderzimmer, fährt auf dem Golf-Caddy davon oder lässt sich ein Bad ein. Justine - so heißt sie und so heißt der erste Teil des Films - will mit der Ehe eine bürgerliche Existenz, will geordnete Bahnen. Doch sie kann es nicht. Sie ist schwermütig, todessehnsüchtig, zu schwach, um zu funktionieren, aber auch zu schwach, um ihr Leben zu beenden. Alle wissen, alle fürchten, dass die Hochzeit nichts ändern wird. Man muss hier nicht verraten, wie es endet, die Ouvertüre reißt es ja schon an.

Dann aber wechselt abrupt die Perspektive. Auf die familiäre Katastrophe folgt eine globale. Ein Planet namens Melancholia, zehn Mal größer als der unsere, stürzt auf die Erde zu. Auch das erleben wir nur im kleinen, vertrauten Ausschnitt. Plötzlich ist das Schloss, auf dem wir uns befinden, wie ausgestorben. Alle sind fort, zu ihren Liebsten zurückgekehrt. Nur die Braut ist noch bei ihrer Schwester Claire (Charlotte Gainsbourg), ihrem Mann (Kiefer Sutherland) und deren Sohn. Keine Massenpanik, keine Statistenheere, die durch Straßen hetzen. Nur vier Menschen, die noch hoffen und schon bangen.

Und hier verkehrt sich das Kräfteverhältnis: Eben noch schien Claire, die die Hochzeit ausgerichtet und die schwelenden Spannungen in der Familie im Zaum gehalten hat, die Stärkere, Verantwortungsvolle, Belastbare. Nun, in der Krise, ist sie es, die sich zunehmend irrationaler, hysterischer verhält, während nun die labile, todessehnsüchtige Schwester die Nerven behält. "Man muss hier nicht verraten, wie es endet, aber die Ouvertüre lässt auch daran keinen Zweifel.

Therapie für Regisseur und Star

Die Depression ist ein Meister aus Deutschland. Von Trier hat sich von der deutschen Romantik inspirieren lassen, von Wagner allemal, dessen "Tristan" sich leitmotivisch durch sein Drama zieht, durch Dürers "Melencolia", aber auch durch "Allein allein", einem Song der Dresdner Popband Polarkreis 18. Von Trier ging noch in jedem seiner Filme an die Schmerzgrenze, oft auch darüber hinaus. Doch noch nie hat er sich seinem Publikum so ausgeliefert, hat er seine eigene Gemütskrankheit so offen in einer Filmfigur gespiegelt. Das Überraschendste dabei ist, dass sein persönlichster, intimster Film zugleich sein mainstreamigster geworden ist. Einer, den manche Fans schon wieder als zu gelackt, zu kunstgewerblich empfinden, der ihm aber ein Publikum erschließen könnte, dass bisher eher einen Bogen um sein Oeuvre gemacht hat.

Einmal mehr erweist sich von Trier dabei als großer Frauenregisseur. Wie Björk für "Dancer in the Dark", wie Charlotte Gainsbourg für "Antichrist", so wurde nun auch Kirsten Dunst für "Melancholia" in Cannes als beste Darstellerin ausgezeichnet. Dabei war der Film eigentlich auf Penelope Cruz zugeschrieben. Aber die Dunst war mehr als nur Ersatz. Auch sie leidet unter Depressionen, auch sie war bereit, sich ganz zu öffnen, auszuliefern. Sie spielt hier vielleicht die Rolle ihres Lebens, ganz sicher aber gibt sie mehr, als die meisten Schauspieler zu geben bereit sind. Kino als Doppeltherapie. Und Therapie als ganz ganz große Kunst.