Komische Oper

Abgründiges aus der Tierwelt

Das schlaue Füchslein hat Regisseur Andreas Homoki auf die rote Couch gelegt. Die Komische Oper zeigt eine klingende Psychoanalyse. In dieser Inszenierung ist der Rotschopf eine begehrte und auch begehrende Frau. Die junge Frau in Rotblond ist das unverdorbene Naturweib, wenn man so will. Sie ist alles in einem und letztlich doch nur eine Alte-Männer-Phantasie.

Freud lässt grüßen. Und das ganze Bühnentreiben drumherum lässt diesen Abend gar nicht so gestelzt, vergackert und putzig daherkommen, wie es vielleicht das Publikum bei Leos Janaceks tierfabeliger Oper erwartet. Das Premierenpublikum feiert den Regisseur am Ende für seine atemvolle Inszenierung. Und wohl auch, weil es seine letzte Inszenierung als Intendant am Hause ist. Seine Abschiedssaison hat damit begonnen.

Ein Stück Haustradition

Homokis Abschied mit Janaceks Alterswerk, der Komponist war schon fast Siebzig, ist von Symbolik begleitet: Es war Walter Felsenstein, der Gründer der Komischen Oper, der mit seiner gefeierten Inszenierung 1956 dem "Schlauen Füchslein" zum internationalen Durchbruch verhalf. Die Janacek-Oper ist ein Stück Hauslegende, sie zu machen Bekenntnis und Herausforderung zugleich. Homoki versichert, dass es nur Zufall sei und er das Stück schon immer machen wollte. Außerdem musste er damit bis zum Ende seiner Amtszeit warten, weil die Deutsche Oper das "Schlaue Füchslein" 2000 auf die Bühne brachte. Die Regeln der Opernstiftung, die Dubletten der drei Häuser vermeiden soll, schreiben vor, dass einige Jahre zwischen den Premieren liegen müssen.

Jetzt hat die Komische Oper ihr "Füchslein" wieder, und Regisseur Andreas Homoki hat sich zum Abschied gleich mit ans Ende der Couch gesetzt. Er ist - als Jahrgang 1960 - ins Tiefenanalytische gereift. Die Figur des Försters liegt ihm am nächsten, Homoki stellt ihn auch ins Zentrum der Handlung. Neumodisch würden wir von einem Mann in der Midlife-Crisis sprechen. Jens Larsen gibt dem Förster eine bodenständige Figur, die eher in bassbaritonaler Wendigkeit denn in dunkler Geheimniskrämerei agiert. Dieser Förster hat noch Leidenschaften in sich, vor allem das Begehren, während sein Leben episodisch an ihm vorüber zieht.

Vier Wirtsstuben auf der Drehbühne

Es ist eine Geschichte voller Melancholie geworden, in der jeder Klamauk, jede Pittoreske und glücklicherweise auch jedes banale Tier-im-Menschen-und-umgekehrt-Klischee erstirbt. Dagegen scheinen Bilder auf von der Frau zwischen zwei Männern oder des Alten, der sich in eine Junge verliebt, und auch Konstellationen eines drohenden Missbrauchs.

Bühnenbildner Christian Schmidt hat ein schlichtes Wirtshaus auf die Drehbühne gezimmert, viermal die gleiche Gaststube mit einer großen Doppelglastür, die zum Wald führt. Die Wirtsstuben unterscheiden sich nur durch kleine, aber wesentliche Details in den Requisiten, etwa durch Ausschmückung für eine Hochzeit. Darin läuft das Psychospiel ab, regelmäßig wechselt die Handlung von einer Stube in die nächste. Was viel Tempo in die Inszenierung bringt und als Grundidee gerade ausreicht für anderthalb Stunden Spieldauer. Die Handlung wird dadurch in weitere Spannungen und Seelenzustände zerlegt. Die Drehbühne vollzieht eine stetige Verwandlung in den Zeiten, Handlungen, zwischen Tier- und Menschenwelt, zwischen Realitäten und dem dahinter. Es ist ein kafkaeskes Wirtshaus.

Die Außenwelt dreht sich unaufhörlich um die menschliche Innenwelt herum. In seiner letzten Inszenierung breitet Homoki also noch einmal Innenleben aus, was irgendwie dem kulturellen Zeitgeist widerspricht, der nach griffigen, marketingträchtigen Bildern lechzt. Aber es war immer Homokis größte Stärke, in seinen Protagonisten aufzustöbern, was gerade in ihnen vorgeht. Auch jenseits der Handlung. Prokofjews "Liebe zu den drei Orangen" war sein geliebtes Gesellenstück am Hause, seine erste Arbeit als Chefregisseur im Jahr 2002, Smetanas "Verkaufte Braut", wurde dagegen als derbe Wendekomödie ausgebuht. Das auf die Bühne gekarrte West-Büchsenbier für die LPG-Ossis stieß auf Unmut. Homoki hat dafür Teile seines Stammpublikums verloren.

Als er 2004 auf den Intendantensessel wechselte, überließ er solcherart Provokationen lieber anderen Regisseuren. Um die 60 Inszenierungen sind bislang in seiner Ära entstanden, manche hätte er besser verhindern sollen. Aber das entspricht nicht seinem Typ. Dazu ist er letztlich zu harmoniesüchtig - und auch sein "Schlaues Füchslein" ist ein etwas wehmütiges Hohelied auf Lebensläufte geworden. Die Solistenschar des Hauses, voran Brigitte Geller als überaus wandlungsfähige Füchsin, Karolina Gumos als burschikoser Jungfuchs oder Andreas Conrad (Schulmeister, Hahn), singen und spielen gekonnt der Szene zu. Nur das Orchester der Komischen Oper kann den großen Atem der Bühne leider nicht in den Orchestergraben übernehmen. Dirigent Alexander Vedernikov jagt der Lebendigkeit, den Kontrasten und den Sängern nach.

Komische Oper , Behrenstr. 55-57, Mitte. Tel. 479 974 00 Termine: 7., 11., 15., 23.10.; 4., 9., 26.11.; 4. und 16.12.