Kunstsache

Voller Zuneigung für die kleinen Dinge des Lebens

Charlottenburg ist bekanntlich ein Ort, in dem man nicht gleich jede neue Mode mitmacht. Und wer sich als Kunsthändler westlich vom Wittenbergplatz angesiedelt hat, versteht seine Schaufenster nicht selten als Museumsvitrine. Hinein stellt er nur, was einen eigenen Eintrag im Kunstlexikon hat. Soweit das Klischee.

Bei Wolfgang Werner lässt sich dafür Bestätigung finden. Der Kunsthändler zeigt gerade unter dem Titel "Amerika - Europa" Hauptvertreter des amerikanischen Abstrakten Expressionismus und des europäischen Informel. Es beginnt gleich furios mit zwei Arbeiten von Dubuffet: dem collagierten schwarzen "Toréador" mit schreckensstarren Gesichtszügen und dem an eine zerfurchte Ackerlandschaft erinnerenden Ölbild "Fâcheuse Rencontre". Der schwere schroffe Dubuffet kontrastiert sehr schön mit den Werken im Nebenraum: darunter eine fast kalligrafische Tintenzeichnung von Franz Kline und das blaue "Blafoss", das K.O. Götz in samuraiartiger Geschwindigkeit auf die Leinwand gekrakelt hat. (Bis 12. November, Fasanenstraße 72, Charlottenburg)

Ein paar Schritte hinter der Kunsthandlung Werner folgt auf der Fasanenstraße die Galerie von Johanna Breede. Deren Charlottenburger Adresse suggeriert eine Gesetztheit des Etablissements, die allerdings so nicht stimmt. Im Gegensatz zum Kollegen Werner ist Breedes Programm nämlich keinesfalls kunstgeschichtlich abgesichert. Der einzige wirkliche Klassiker im Aufgebot ist Sibylle Bergemann, die bekannte DDR-Modefotografin, die nun auch aktuell mit einer Reihe von Polaroidaufnahmen präsentiert wird. Seit den siebziger Jahren hat Bergemann offensichtlich nebenbei und auch durchaus privat immer wieder Polaroids geschossen. Gesehen hat man diese Aufnahmen bisher kaum. Und so staunt man, wie hübsch die Fotografin ihre Enkeltochter ausstaffiert hat - mit Strohhut auf dem Kopf und ausgestopfter Taube in der Hand - und wie pittoresk sich in einem anderen Bild die Strahlen der Sonne in einer Vase auf dem Fenstersims brechen. Es sind Bilder voller Zuneigung für die kleinen Dinge des Lebens. Angeblich hatte die Fotografin ihre Polaroids in einem Karton aufbewahrt. Jetzt steht dieser dank des Nachlasses zur Verfügung. Bei Breede werden die Bilder als Unikate angepriesen. Doch wie sich die undatierten und unsignierten Polaroids zum Gesamtwerk der Fotografin verhalten, müsste sicher noch mal abschließend geklärt werden. (Bis 15. Oktober, Fasanenstraße 69, Charlottenburg)

Irgendwann muss sich auch Guido Baudach im Wedding gedacht haben, dass eine Charlottenburger Adresse seinem jungen wilden Programm mehr Bürgerkompatibilität verleihen würde. Mittlerweile hat er eine Zweitgalerie unweit des Savignyplatzes. Ausgeborgt hat er sich für dort nun ebenfalls einen Klassiker: Rudolf Schwarzkogler - keinen klassischer Klassiker sondern einen Protagonisten jener Schmier-und-Schmähkunst, die unter dem Schlagwort "Wiener Aktionismus" in den Sechzigern die Österreicher in Unruhe versetzte. Baudach zeigt nun Aufnahmen mehrerer Schwarzkogler-Aktionen aus den Jahren 1965/1966 und betont, dass der Künstler seine Performances immer mit Blick auf das Kameraauge konzipierte. Trotzdem wird es nicht besser: Da kann Schwarzkogler noch so gewandt Fische ausweiden und sie als Geschlechtsteilersatz vor dem Körper baumeln lassen - wenn diese Kunst, die damals außer Rand und Band geriet, heute in 5 mal 5 Zentimeter großen Abzügen gerahmt erscheint, dann geht vom Wiener Aktionismus-Esprit einfach zu viel verloren. (Bis 22. Oktober, Carmerstraße 11, Charlottenburg)

Jeden Sonntag schreibt Tim Ackermann, Kunstkritiker der Berliner Morgenpost, über Berlins Galerien