Dostojewskis "Der Spieler"

Rock'n'Roll und Kasinokapitalismus in der Volksbühne

Die Kugel, sie rollt. Sophie Rois räkelt sich lasziv auf dem Roulette-Tisch und zelebriert die Spielsucht als körperliche Lust - eine Orgie der Verschwendung, rauschhafte Selbstzerstörung, Rock'n'Roll. Alexander Scheer schrammelt den passenden E-Gitarren-Soundtrack dazu. Und während Rois genüsslich die Verluste aufzählt, weint Hendrik Arnsts verschuldeter General dicke Krokodilstränen.

Der Roulette-Tisch ist in Frank Castorfs Volksbühnen-Inszenierung von Fjodor Dostojewskis "Der Spieler" wie ein Heiligtum im Zentrum von Bert Neumanns Drehbühne verborgen und nur per Live-Kamera einsehbar. Drumherum: Salons, Schlafzimmer, eine Geisterbahnfront. Darin: übergedrehte Figuren in Frack und Rauschkleidern. 19.-Jahrhundert-Trash trifft Las-Vegas-Neon.

Die Spielhölle als Jungbrunnen: Die gelähmte Großtante Babouschka sitzt bei Sophie Rois kreuzfidel auf ihrem Sessel-Thron, auf dem sie sich herumtragen lässt. Den Gefallen, im fernen Moskau einfach wegzusterben, tut sie ihrer Sippschaft, die sich im deutschen Kurort versammelt hat, nicht. Und so platzt der Plan, mit ihrem Erbe die ruinierte Generalsfamilie zu sanieren. Der General sitzt in der Schuldenfalle und ist er unsterblich in Mademoiselle Blanche verliebt, die ihn freilich nur nach gelungener Erbschleicherei zu ehelichen gedenkt.

Unsterblich verliebt, in Stieftochter Polina, ist auch Hauslehrer Alexej. Er ist der Ich-Erzähler im Roman und eine typisch Dostojewskische Maßlosigkeitsfigur, die gegen deutsche Sparwut ätzt und für Ad-hoc-Verbrauch plädiert. Ein Glücksspieler aus Überzeugung, Scheer wie auf den Leib geschrieben, der die finale Roulette-Partie grandios als körperlichen Ausnahmezustand hinzappelt. Schauspielerisch ist dieser Abend überhaupt das reinste Glücksspiel, nicht zuletzt, weil so viele alte Volksbühnen-Helden zu erleben sind. Sophie Rois feiert im Kommando-Ton grandiose Zeremonien der Herrschsucht, Kathrin Angerer hüllt ihre Polina in nölige Unnahbarkeit, Margarita Breitkreiz leiht Blanche etwas irre Aufgekratztes.

Wie Castorfs legendäre Dostojewski-Inszenierungen von vor zehn Jahren ("Dämonen", "Erniedrigte und Beleidigte", "Der Idiot") nimmt sich auch "Der Spieler" fünf Stunden Zeit - allzu lange, um in Slapsticks, Hineinsteigerungsarien und Assoziationsfeuerwerken zu schwelgen. Da wird Alexejs Schulbuben-Frechheit gegenüber dem deutschen Baron mit dem Sklavenaufstand aus Heiner Müllers "Aufstand" verknüpft; der Baron spricht mit rollendem Hitler-'R' aus dem Inneren eines Gummi-Krokodils, das einer Dostojewskij-Erzählung entlehnt ist; aus den nationalen Stereotypen des Romans werden ausgestellte Rassismen. Nicht einfach, sich auf alles einen Reim zu machen, zumal Castorf Romanteile vertauscht, Figurenreden umverteilt. Lesen lässt sich der Abend als Kommentar auf die Verlockungen des Kasinokapitalismus und die Schuldenkrise. Am Ende erschöpfter, aber glücklicher Beifall.

Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Mitte. Tel. 24 065 777. Termine: 2., 8., 22., 29.10. um 19 Uhr.