Drama

An der wackeligen Rampe des Lebens

Franz ist Bestatter und muss es wissen: "Das Leben erkaltet ganz langsam und übrig bleibt ein glühender Kern." Den muss man erst mal finden. Regisseur Michael Thalheimer hat sich auf die Suche begeben und fürs Deutsche Theater Dea Lohers vielschichtiges Drama "Unschuld" inszeniert.

Es ist das erste Mal, das Thalheimer das Stück einer Frau auf die Bühne bringt und es ist das erste Mal, das er Gegenwartsdramatik inszeniert. Bislang war er eher darauf spezialisiert, Klassiker gekonnt einzudampfen, ihre Kruste abzutragen und deren Kern freizulegen. Bei Dea Loher, glaubt man dem Beerdigungsfachmann, müsste der also glühen. Und Michael Thalheimer weiß genau, man so etwas sichtbar macht. Am besten im Dunkeln. Deshalb wirft er dem ganzen Abend eine kühle Strenge über, einen Ernst, der in seiner Absolutheit und Schwermut zunächst irritiert.

Wie fast immer geht es bei Dea Loher um die ganz, ganz großen Themen: Schuld und Sühne und Hass und Hoffnung und immer wieder dieses Sehnen. "Die Unzuverlässigkeit der Welt" heißt ein Buch, das die blinde Gogo-Tänzerin Absolut verloren hat und das gesamte Personal des Abends hat damit so seine Erfahrungen. Unschuldig, wie der Titel des Stücks proklamiert, ist keiner, schuldig vielleicht auch nicht direkt, aber verzweifelt genug, das zu glauben oder gar zu provozieren.

Da sind am Anfang etwa Elisio und Fadoul, zwei illegale schwarze Immigranten, die eine Frau ertrinken lassen, weil sie Angst haben vor der Abschiebung. Dann Frau Habersatt, die sich als Mutter eines Amokläufers ausgibt, obwohl sie gar keine Kinder hat. Frau Zucker dagegen hat eine Tochter und sie hat Diabetes, weshalb sie sich bei Tochter Rosa und ihrem Mann Franz, dem Bestatter, einquartiert. Denen wiederum ist die Liebe abhanden gekommen. Und bei Helmut, dem Goldschmied, und Ella, der desillusionierten Philosophin, hat gar der blanke Hass Einzug gehalten, wenngleich Helmut den ganzen Abend kein einziges Wort sagt.

Sie alle haben den Boden unter den Füßen verloren, es sind müde Menschen, denen Bühnenbildner Olaf Altmann die Sache nicht einfacher macht, indem er sie auf eine sehr steile Rampe stellt. Dunkel spitzt sie sich nach oben zu, ins Nichts, das Tod oder Befreiung sein könnte, was für die meisten ohnehin dasselbe wäre. In Wahrheit ist diese Rampe, was sich später herausstellen wird, ein Kegel, dessen oberer Teil sich ab und an dreht, um neue Szenen und Figuren an diese Abbruchkante des Lebens zu spülen. Fehlte nur noch ein Deus ex machina, der ein bisschen Schwung in die Sache bringt, doch hier kommt Gott aus der Plastiktüte, die unverhofft vom Bühnenhimmel plumpst. Darin findet Fadoul eine ordentliche Summe Geld, mit dem er der blinden Absolut eine Augenoperation bezahlt, was ihre Stimmung jedoch auch nicht hebt.

Kurz, das ist alles nicht schön, es sind die kleinen alltäglichen Katastrophen, die Dea Loher hier zu einem Berg von Trostlosigkeit auftürmt. Und wo bleibt er nun, der glühende Kern? Es ist eher ein sanftes Glimmern, das Michael Thalheimer diesen Menschen angedeihen lässt. Er tut gut daran, dem Text voll und ganz zu vertrauen, seine Regie ist fast unsichtbar, beschränkt sich auf Nuancierungen. Er entwickelt aus diesem Stück einen wunderbar klaren Abend, geradezu strahlend in seiner ganzen Schärfe.

Deutsches Theater , Schumannstr. 13a, Mitte. Tel. 28 44 12 25. Nächste Termine: 7., 9. u. 23.10., 5., 14. u. 28.11., 20 Uhr.