Theater

Die hohe Kunst des Unsinns

Pistolenschüsse peitschen durch den Saal. Schauspieler stehen auf der Bühne. Der Klarinettist der 16-köpfigen Big-Band spielt sich ein. Die anderen Musiker unterhalten sich im Orchestergraben. Die Probe im Deutschen Theater könnte jetzt eigentlich beginnen. Es ist 11.05 Uhr. Aber wo ist Jacques?

Damit fehlt ein Teil des Regieteams. Das nennt sich Studio Braun und spielt auch selbst mit in "Fahr zur Hölle, Ingo Sachs". Als "Actionmusical" oder auch "psychedelisches Volkstheater" wird das Charles-Bronson-Projekt angekündigt, das sich lose auf den Filmklassiker "Ein Mann sieht rot" bezieht. Studio Braun das sind Rocko Schamoni, Heinz Strunk und Jacques Palminger. Natürlich Künstlernamen. Und Künstlernaturen. Schließlich geht's es ohne Jacques los.

Das ist nicht ganz unproblematisch, denn Palminger spielt im Finale einen Falter, der ein Lied singt. Und diese Schlussszene, die soll heute geprobt werden. Wer also macht den Falter?

Bronson hasst Straßenmusiker

"Wir beginnen mit dem Amoklauf", kündigt eine Stimme an. Es spricht der Assistent. Der sitzt am Regiepult, das im Zuschauerraum des Deutschen Theaters aufgebaut ist. In Hamburg haben Studio Braun Kultstatus. Die erste Inszenierung am Schauspielhaus war ein Musical nach Strunks Bestseller "Fleisch ist mein Gemüse". Es folgte eine Bühnenfassung von "Dorfpunks", die - man ahnt es schon - auf dem Roman des Ex-Punks Rocko Schamoni basierte und zu einem Renner wurde. Studio Braun steht für eine hohe Gagdichte und Nonsens. Nicht unbedingt das, was Inszenierungen am Deutschen Theater normalerweise auszeichnet. Aber mit dem vielleicht ein neues, junges Publikum angesprochen werden kann.

Strunk trägt ein blaues T-Shirt, seine Arme sind tätowiert. Man hört, dass er aus Hamburg kommt. Strunk hustet ins Mikro. Andere testen die Technik, indem sie einen Atombombenabwurf auf Russland ankündigen. Mitunter wird so was dann gesendet. Dass könnte auch hier passieren, denn heute ist ein Fernsehteam da. Strunk bittet alle Akteure auf die Bühne. Und um Ruhe. Im Zuschauerraum unterhalten sich die Assistenten.

Schauspieler Felix Goeser spielt mit seiner Charles-Bronson-Perücke. Er setzt sie sich auf den kahlen Schädel, falsch herum. Sieht ziemlich lustig aus. Gefällt Heinz Strunk aber überhaupt nicht. Schließlich ist das Fernsehen da.

Also der Amoklauf: Die Drehbühne dreht sich. Goeser läuft in Gegenrichtung. Sein Bronson wird angerempelt. Ein wortloser Disput. Er zeigt seine Pistole. Eine Palme und ein Sandstrand drehen vorbei. Goeser bestellt bei der Verkäuferin einen "Flutschfinger", beim nächsten Durchlauf verlangt er ein Waffeleis und überlegt später, ob er einen Gag über die Waffel und die Waffe machen soll. Heinz Strunk steht zwischen den Häuserschluchten New Yorks - er spielt eine alte Frau, die wegen des Verkehrs nicht über die Straße kommt. Bronson hilft - dann geht die Ballerei los. Der Blockflötenspieler ("Ich hasse Straßenmusik", murmelt Bronson) bricht getroffen zusammen, der Junkie auf dem Klo ebenso. Irgendjemand ertränkt einen Kopflosen in der Badewanne. Das Magazin ist leer, der Rächer greift zur Pumpgun. Pech für die Hütchenspieler und die Breakdancer.

Plötzlich ist auch Jacques da. Sitzt im Zuschauerraum, eine knallrote Mütze auf dem Kopf. Schnell kursiert eine Erklärung für die Verspätung: "Zu lange gearbeitet, gestern." Goeser, der Jacques Palminger in der Amoklaufszene recht nahe kommt, kommentiert das auf der Bühne theatralisch: "Mann, hat der eine Fahne!"

"Arbeitszeit ist Leistungszeit und wer nuschelt wird erschossen", wird Palminger in einem Interview nach der Probe sagen. Das Gespräch, das 19 Minuten und 19 Sekunden dauert und bei dem Jacques vergeblich versucht, eine gefüllte Paprikaschote zu verzehren - er nimmt den Teller schließlich mit zum anschließenden Termin mit dem Fernsehteam -, pendelt konsequent zwischen Sinnfreiheit und Ironie. Palminger spielt Palminger. Und sagt: "Es ist ein aufreibendes Geschäft, nicht mal in Ruhe essen kann man."

Der Künstler, der in Hamburg wohnt und momentan regelmäßig den Zug benutzt, bekennt sich zur Deutschen Bahn ("Ich hab' Verständnis für jeden Böschungsbrand"), zur Dreier-Regie ("Der Vorteil eines Trios ist, dass es immer dreimal so viele gute Ideen gibt") und zu seinem Hauptdarsteller Felix Goeser, mit dem Studio Braun schon am Hamburger Schauspielhaus gearbeitet hat. Goeser hat damals Nils gespielt. Und Gurki. "Mann", sagt Palminger rückblickend, "da haben wir gedacht: das ist der beste Schauspieler der Welt, der kann sogar zwei Rollen spielen. Mittlerweile wissen wir natürlich, dass das noch mehr Schauspieler können, sogar in einem Stück."

Martin Luther will die Pumpgun

Auf der Bühne rutscht Martin Luther auf Knien herum. Er hält eine Moralpredigt, will Bronson auf den rechten Weg zurückführen, oder zumindest seine Pumpgun haben. Dann reißt sich Moritz Grove die Maskerade vom Leib und - nein, wir verraten jetzt nichts mehr. Wäre sowieso zu kompliziert, denn Studio Braun beschränkt sich in dieser Arbeit nicht auf eine Ebene. Ole Lagerpusch spielt einen größenwahnsinnigen Filmregisseur mit Realitätsverlust, der den Rache-Thriller "Ein Mann sieht rot" mit Kleists Novelle "Michael Kohlhaas" verschränken und dadurch einen Blockbuster mit Niveau drehen will. Lagerpusch lässt sich die "Kette der Schuld" um den Hals hängen. Nicht um irgendeinen, sondern "meinen Uschi-Glas-Hals". An den natürlich nur Wasser und Creme kommt. Der Höllenschlund öffnet sich. Jacques stellt in seinem Falterlied die Sinnfrage - dann ist Schluss.

Besprochen wird die Szene gleich auf der Bühne. Jacques Palminger schwärmt vom Auftritt der Mutter, das sei "emotionales Topniveau". Rocko Schamoni hält sie für "extrem albern" - und schickt erst mal die Musiker in die Pause. Alle anderen können jetzt beobachten, was Palminger als "Wettstreit der Ideen" bezeichnet, bei der sich die beste durchsetzt. Es dauert eine ganze Weile. Und es geht nicht ohne Assistenten. Denn die "schwierigen Verabredungen", sagt Rocko Schamoni, "die müssen festgehalten werden."