Literatur

Sehnsucht nach dem Landleben

Wenn es eine Lebensgemeinschaft gibt, die in diesen vergangenen Jahren tatsächlich eine literarische Wiedergeburt erlebt hat, dann ist es nicht die Familie. Es ist das Dorf. Bachmannpreisträgerin Maja Haderlap erzählt von ihrer Kindheit in einem kärnten-slowenischen Kaff, von Politik und vom Wandel einer agrarischen Welt.

Der Vogelsberg hat in Andreas Maier seinen Dorf-Homer gefunden. Und auch bei Peter Kurzeck wird schon seit Jahren ausufernd die Enge, das Grauen, das Wunder seiner nordhessischen Herkunft besungen. Autobiographisch ist das alles. Mit Heimatsuche hat das zu tun. Mit Erinnerung. Mit Selbstvergewisserung. Mit Sehnsucht. Mit dem Versuch vielleicht auch, den alten Spruch von Thomas Wolfe zu widerlegen: "You can't go home again".

Dass nun auch die längst in Berlin wohnende und wie keine sonst über die Verwirrungen metropolitaner Mittelklässler schreibende Katharina Hacker sich aufs Land begibt, hat nichts mit schicker Stadtflucht und Landlust zu tun. Es ist konsequent. Sie schreibt in "Eine Dorfgeschichte", ihrem neuen Buch, bloß da weiter, wo sie im letzten großen Roman, in "Die Erdbeeren für Antons Mutter", aufgehört hatte. In ihrer Geschichte, in ihrem Dorf.

Das bayrische Saltkrokan

Das Dorf von Hackers Sehnsucht und Heimatsuche heißt Breitenbuch. 120 Seelen hat es. Auf der bayrischen Seite des Odenwalds hat die Geschichte die paar Breitenbücher Höfe irgendwann fallen lassen. Hoch über dem Tal. Man kann weit schauen. Der Wald ist immer sehr nah, die Armut auch. Denn reich waren Dorf und Gegend nie. Aber ziemlich katholisch.

Die Sommer hat sie mit ihren Geschwistern in Breitenbuch verbracht. Breitenbuch ist so etwas Katharina Hackers Saltkrokan. Groß waren die Sommer hier, Großegeheimnissesommer immer, Sonnensommer häufig, Regensommer selten. Unendlich scheinen die Ferien den Geschwistern in Hackers "Dorfgeschichte". Simon und Frederick heißen sie, die Schwester erzählt die Dorfgeschichte. Aus dem Mädchen der Breitenbücher Sommer ist längst eine Frau geworden. Sie hat selbst zwei Töchter, die wir uns ungefähr so vorstellen dürfen wie die beiden Töchter von Katharina Hacker, denen das schmale, poetische und sehr schön verdichtete Bändchen gewidmet ist.

Simon ist gestorben, Frederick ist ausgewandert. Die Erzählerin hat das alte Schulhaus geerbt, in dem ihre Großeltern gelebt haben, in denen sie in Ferien waren. In der Erinnerung, und um fast nichts anderes geht es in der "Dorfgeschichte", werden die Sommer zu einer unendlichen Erzählung. "Die Sommer gehörten allesamt zusammen, sie waren eine eigene Zeit, in denen der Ablauf der Jahre minder wichtig war. Zum Dorf gehörten wir dazu, auch wo wir fremd waren." Einer unendlichen Erzählung allerdings aus Schemen, aus Facetten, Fragmenten: "Was ich behalten habe, ist anschaulich, taugt aber zu keinem Foto, es sind Umrisse, oder die Beschreibung von Umrissen."

Hackers Dorfgeschichte ist ein sehr feines Netzwerk kleiner, größerer Geschichten, die sich nicht zu einem Plot, zu so etwas wie Handlung verbinden wollen, weil das gar nicht geht, wenn man sich erinnern will, weil Gedächtnis linear nicht funktioniert. Die Geschichten springen durch die Zeiten, schlaglichtern von Figur zu Figur, irrlichtern Linien in der Erinnerung aus. Das spiegelt auch das Schriftbild der "Dorfgeschichte". Fragmente, Absätze, immer wieder kursiviert, kleine Erzähleinheiten in viel Weißraum. Aus dem Nebel der Zeit springen sie hervor. Sie tragen immer Geheimnisse mit sich. Sie wollen langsam gelesen werden, sind das wunderbar zwischen allen Zeilen nach Leben, nach Geschichte duftende Ergebnis einer künstlerischen Konzentration.

Die Kinder sind frei in dem Dorf, wie sie es nie waren, sie lachen viel, aber ernster. Sie haben immer "eine Art Angst". Denn sie sind, das spüren sie stets, von Toten umgeben. Der Krieg ist zwar schon Jahrzehnte her, aber immer noch finden die Kinder Patronenhülsen, manchmal Helme im Wald, immer noch kann man die Spuren des Krieges in den Feldern lesen. Sie ziehen sich vor allem durch die Seelen der traumatisierten Großeltern.

Eine magische Kindheitsferienwelt

Die Großmutter, der ein Hund auf der Flucht aus dem Osten das Leben rettete, weswegen sie eine seltsame Abneigung gegen Tiere hegt. Der Großvater, der seine Handwerkszeuge liebevoller handhabt als seine Enkel. Die spielen derweil bevorzugt Flüchtlingszug, spielen Leiche. Sie sehen Gespenster, Wiedergänger. Die Seele des im Krieg verschwundenen Onkels taucht auf. Der Teufel geht um. Und die Lebenden sind nicht weniger unheimlich. Der schwermütige dicke Jäger zum Beispiel, der irgendwann aus dem Wald nicht mehr lebend zurück kommt. Oder der blinde Korbflechter. Der Hinker, dessen Bruder in die Motorsäge fällt. Oder der lange Scholz, der stets mit einem in Leder gebundenen Buch herumläuft und gar nicht der vertriebene Freiherr ist, als der er erscheinen will.

Jeder kennt solche Figuren, jeder erinnert sich an Momente einer magischen Kindheitsferienwelt auf dem Land. Breitenbuch ist schließlich überall. Katharina Hacker rekonstruiert sie in ihrer Dorfgeschichte so dicht, so passgenau wie selten - voller Ängste und Ahnungen, eine Welt, in der sich die wahre und die bloß gemutmaßte, geahnte Wirklichkeit mischen, kreuzen. Eine heute fast vergessene agrarische Welt ersteht gleich mit, die noch gar nicht so lange vergangen ist, das Porträt einer Lebensgemeinschaft im Umbruch, auf der Schwelle einer neuen Zeit, die alles binnen Jahrzehnten mehr verändern wird, als drei, vier Jahrhunderte vorher es vermocht haben. Ein schöner, dunkler Traum, diese "Dorfgeschichte", ein Sommerbuch. Kann man gut gebrauchen jetzt.

Katharina Hacker: Eine Dorfgeschichte. S. Fischer, 125 S., 17,95 Euro.