Musik

Seitensprung mit einem Schneemann

| Lesedauer: 5 Minuten

Wie wäre es mit Shnamistoflopp'n, Terrablizza und Whirlissimo? Mit Shimmerglisten, Faloop'njoompoola, Slipperella und Zhivagodamarbletash? Auf ihrem neuen Album "50 Words For Snow" fordert Kate Bush fünfzig Wörter für Schnee und Schauspieler, und Albumgast Stephen Fry soll sie der Künstlerin liefern.

Immer, wenn er eine kurze Denkpause einlegt, meldet sie sich zu Wort und singt etwa: "Mach schon, es fehlen noch 32, du weißt doch, nicht nur die Eskimos haben fünfzig Worte für Schnee." Wobei Bush selbstverständlich weiß, dass nicht einmal die Eskimos so viele Schneeworte kennen, das ist nur eine Legende, doch Fry wartet mit immer abenteuerlicheren Schöpfungen auf - Spangladasha, Albadune, peDtaH 'ej chlS qo' - und bis er schließlich "Schnee" sagt, die fünfzig damit voll macht und das Stück endet. Kate Bush hat ihr neues Werk als eine Sammlung von sieben Liedern beschrieben, deren inhaltliche Klammer der Schneefall ist.

Der längste Song dauert 13 Minuten

Die Laufzeit beträgt 65 Minuten, was dazu führt, dass der kürzeste Song immerhin fast sieben Minuten lang ist und der längste über dreizehn Minuten dauert. Ihre Fans äußerten daraufhin die Sorge, dass es sich bei dem Album nicht um ein typisches Werk handeln könne, wobei nicht ganz klar ist, wie man sich ein typisches Bush-Werk vorzustellen hat. Ist es wie ihre Alben "The Kick Inside" und "Lionheart", beide aus dem Jahr 1978, als sie zu einer eigentümlichen Mischung aus Pop, Folk, Reggae und Saxophonrock in den höchsten Tönen etwa über Klassiker der Literatur, das Wunder der Monatsblutung und Inzest mit unbeabsichtigter Schwangerschaft sang? Oder ist ihr Album "Hounds Of Love" aus dem Jahr 1985 typisch, auf dem ihre großen Hits "Running Up That Hill" und "Cloudbusting" zu hören sind? Die beiden nachfolgenden Alben "The Sensual World" und "The Red Shoes" sind es jedenfalls nicht. Jahrzehnte nach ihrem Erscheinen entscheidet Bush, dass sie nur bedingt mit ihnen zufrieden ist, und veröffentlicht im Mai 2011 mit "Director's Cut" eine Überarbeitung ausgewählter Stücke.

Wer nun denkt, "50 Words For Snow" könnte das winterliche Gegenstück zu "Aerial" sein, der unterstellt Bush, dass sie ihre Kreativität einem Vieljahresplan unterordnen würde. Doch ihre Kreativität muss frei umherflattern, nur so kann sie überhaupt erst auf die Idee kommen, das Album mit einem Lied wie "Snowflake" zu eröffnen, das aus der Perspektive einer Schneeflocke erzählt wird. Offenbar handelt es sich bei dieser Flocke um ein besonders nachdenkliches und sensibles Exemplar, das sich kaum, dass es aus seiner Wolke heraus gefallen ist, Gedanken über die Erde und ihre Bewohner macht. "Ich glaube, ich kann dich sehen", singt die Flocke, "da ist dein langer, weißer Hals. Die Welt ist so laut." Das Stück ist wiederum sehr leise. Nur zaghaft bedient Kate Bush das Klavier, hier und da hört man einen Bass, aus der Ferne weht zaghaft ein Schlagzeug herüber. Bushs 13-jähriger Sohn Albert McIntosh übernimmt mit seiner Chorknabenstimme weite Teile des Gesangs, was die Flocke "Snowflake" noch einen Hauch unschuldiger wirken lässt. "Snowflake! Snowflake!", ruft der Geist einer Frau, womit Kate Bush noch einmal unterstreicht, dass es ihr spielend gelingt, die uncoolsten Ideen in großartige und berührende Musik zu verwandeln.

Es ist, als würde sie nicht einmal einen Gedanken daran verschwenden, dass man die Inhalte ihrer Songs für geradezu haarsträubend peinlich halten könnte. Nur so schafft sie es, mit einem Song wie "Misty" durchzukommen, der gleich im Anschluss an "Lake Tahoe" von dem One-Night-Stand zwischen einer jungen Frau und einem Schneemann erzählt. Während die Musik des Albums erstmals an Schwung gewinnt, erzählt Bush von dem haarigen Wesen, das man zu fangen versucht, was sie aber zu verhindern weiß: "Wir haben deine Fußspuren im Schnee entdeckt, aber wir haben sie fortgewischt" - und so bleibt der wilde Mann so flüchtig wie die Liebe in "Snowed In At Wheeler Street".

Elton John ist bestens bei Stimme

Kate Bush und Elton John, den man schon lange nicht mehr so gut bei Stimme gehört hat, versichern sich darin gegenseitig ihrer ewigen Liebe, doch sie sind wie zwei Königskinder, sie können zusammen nicht kommen.

Nein, "50 Words For Snow" ist kein typisches Kate-Bush-Album geworden, es ist auch keine typische Winterplatte, und eine Weihnachtsplatte, wie manch einer befürchtet hatte, ist es auch nicht. Wenn das Werk überhaupt an etwas erinnert, dann an die letzten Alben von Antony & The Johnsons. Als Antony 1978 das Video zur ersten Kate-Bush-Single "Wuthering Heights" sah, beschloss er zu werden wie sie. Er lernte, wie man Rad schlägt, und wurde später ein gefeierter Sänger. Und jetzt, mit ihrem zehnten Album, wurde sie wie er.

Kate Bush: 50 Words for Snow (EMI).