Film

"Chodorkowski hat sich geopfert. Er ist ein tragischer Held"

| Lesedauer: 4 Minuten

Der Dokumentarfilm "Der Fall Chodorkowski" über den inhaftierten russischen Milliardär sorgte für Gesprächsstoff auf der Berlinale: Wenige Tage vor der Premiere wurde im Berliner Büro des Regisseurs Cyril Tuschi eingebrochen und der Computer mit dem Film gestohlen.

Eine Kopie war aber beim Festival, der Film konnte gezeigt werden. Heute startet er in den deutschen Kinos. Mit dem Regisseur hat Thomas Abeltshauser gesprochen.

Berliner Morgenpost: Sie haben gerade mit Russland telefoniert. Worum ging es?

Cyril Tuschi: Endlich wagt sich in Russland jemand daran, den Film zu zeigen. Alle großen Verleiher hatten mir abgesagt, mit der Begründung, dass sie im Geschäft bleiben wollen. Jetzt habe ich mit einer Frau telefoniert, die keine Verleiherin ist, aber den Film ins Kino bringen will.

Berliner Morgenpost: Haben Sie nach den Erfahrungen im Februar die Befürchtung, dass andere Interessen dahinter stehen könnten?

Cyril Tuschi: Am Anfang wurde ich gewarnt, dass sie die Rechte kauft, um den Film dann im Giftschrank verschwinden zu lassen. Aber das ist nicht der Fall. Sie ist eine engagierte Frau, die den Film in fünf Kinos in Moskau zeigen will, was sehr viel ist.

Berliner Morgenpost: Welche Reaktionen gab es bislang überhaupt aus Russland, seit der Film auf der Berlinale Premiere hatte?

Cyril Tuschi: Nicht viele. Ein paar Berichte in den Zeitungen, im Fernsehen fast gar nichts.

Berliner Morgenpost: Wenige Tage vor der Premiere wurde in Ihrem Büro eingebrochen und der Computer mit dem Film gestohlen. Sind die Täter inzwischen bekannt?

Cyril Tuschi: Es wurden drei Männer gefasst. Ich wurde auch vorgeladen, durfte sie nicht aber fragen, ob sie beauftragt wurden. Es sieht so aus, als waren es ein paar Vollidioten aus Neukölln, die ihr Hartz IV aufbessern wollten. Und ich muss jetzt glauben, dass es keine politischen Motive gab.

Berliner Morgenpost: Gab es seitdem weitere Vorfälle?

Cyril Tuschi: Nein, aber ich habe mich auch sehr zurückgehalten. Ich will nicht provozieren. Ich kann nur hier in Deutschland die Verhältnisse einschätzen. Nach Russland zur Premiere fliege ich nicht allein und lasse mich von der Deutschen Botschaft abholen. Ich bin nicht paranoid, will aber auch keinen Fehler machen.

Berliner Morgenpost: Was hat Sie so an dem Fall interessiert, dass Sie sich jahrelang damit beschäftigen?

Cyril Tuschi: Im ersten Jahr dachte ich oft ans Aufhören, weil niemand mit mir reden wollte. Doch irgendwann hatte ich ein paar Minikontakte. Und nach einem Jahr war es zu spät zum Aufhören. Ich bin jemand, der so etwas dann durchziehen muss, selbst wenn es sinnlos erscheint.

Berliner Morgenpost: Was war der Wendepunkt?

Cyril Tuschi: Leute, die anfangs Nein gesagt hatten, waren plötzlich zu Gesprächen bereit. Einfach, weil ich hartnäckig blieb.

Berliner Morgenpost: Wie schätzen Sie Chodorkowski nach all den Jahren der Recherche ein?

Cyril Tuschi: Als eine sehr widersprüchliche Figur. Je mehr ich wusste, desto weniger verstand ich ihn. Das kommt erst jetzt langsam. Warum er im Gefängnis ist und warum er so gehandelt hat. Aber ich verstehe es eben nur ein Stück weit, daher habe ich auch die Struktur des Films so offen gehalten wie möglich. Meine Lieblingsfassung war dreieinhalb Stunden lang, wir haben uns dann aber auf den Konflikt zwischen Chodorkowksi und Putin konzentriert. Heute glaube ich, dass er sich selbst und auch die Freundschaft zu den Amerikanern überschätzt. Und er hat sich geopfert, das hat etwas tragisch Heldenhaftes.

Berliner Morgenpost: Am Ende des Films sprechen Sie ihn persönlich. Wie kam es dazu?

Cyril Tuschi: Ich glaube, es war ein Fehler der Behörden. Deutsche werden nicht ernst genommen, es werden Mercedes gekauft und fertig. Hätte ein Russe den Film gemacht, wäre dieses Gespräch sicher nie zustande gekommen.

Berliner Morgenpost: Er ist gut gelaunt in Ihrem Film.

Cyril Tuschi: Wirkt das so? Er ist ein sehr disziplinierter Mensch. Und er weiß, wenn man Schwäche zeigt, wird man angreifbar. Und er fühlt sich im Recht.

Berliner Morgenpost: Hat er den Film gesehen?

Cyril Tuschi: Nein. Aber ich habe das Transkript geschickt. Bislang keine Reaktion.

Cyril Tuschi: Aktuelle Filmkritiken lesen Sie in unserer Beilage "Berlin live"