Kunstsache

Auch Belanglosigkeiten können ganz gut aussehen

Manche Ausstellungstitel sind so schön, dass ich hingehen muss, was immer auch zu sehen sein mag: "Der Reiz der belanglosen Geschichte". Klingt wie einer der Michael-Ende-Romane. Die waren ja alle ganz gut. Also machte ich mich auf in die Galerie Zink.

Vier Zeichner waren dort zu sehen, die alle ihre Stories erzählten, was sie ebenso gut hätten lassen können, es dann aber doch nicht taten, sondern sich im Gegenteil richtig reinhängten. Das fand ich konsequent. Rinus Van de Velde etwa. Der belgische Künstler erzählt, wie er als Sechsjähriger morgens im Schulbus saß und sich vor den Straßenlaternen fürchtete, weil er sie für Aliens hielt. Wen kümmert's, würde man denken. Doch Van der Velde hat seine Erinnerung gezeichnet, als Großformat. Die Kopie eines Medienfotos von einem Schulbus in dunkler Gasse zog mich in ihren Bann. Sehr schön fand ich zudem eine Arbeit von Nedko Solakov, die in ihrem bewusst nachlässigen Stil an die Naivität von Kinderzeichnungen erinnerte und von einer merkwürdigen Begebenheit berichtete: Ein Mann verliert zufällig sein Haus. Nun befinden sich beide auf entgegengesetzten Seiten des Erdballs, das Haus sendet ihm Rauchzeichen über den Himmel zu. Was das bedeuten soll, ist nicht so ganz einsichtig. Aber das ist ja auch der Reiz an einer belanglosen Geschichte. (Noch bis 19. November, Linienstr. 23, Mitte)

Belanglos sein, heißt schnell wieder aus der Aufmerksamkeit zu verschwinden. Mit ähnlichen Assoziationen spielt die Gruppenausstellung "Das Flüchtige" in der Galerie Arndt. Der Titel kokettiert natürlich, denn vieles an dieser exzellenten Schau blieb mir im Gedächtnis hängen. Als erstes sah ich mir ein Foto von Julian Rosefeldt an, das einen umgehackten Baumstamm im Wald zeigt. "Requiem" heißt das Bild. Der Baum sieht aus, als habe er sich nur kurz ins Gras gelegt, um eine kleine Auszeit vom Baum-Sein zu haben. Mach mal nicht alles mit, scheint er zu sagen. "Begrabt mein iPhone an der Biegung des Flusses", heißt ein neues Lied des Pop-Barden Peter Licht. Das kann unter Umständen eine vorbildliche Haltung sein. Für Chiharu Shiota zum Beispiel. Die Japanerin hat eine Gitarre in einen Kasten mit lauter schwarzen Fäden eingesponnen. Sie ist nun so nutzlos wie ein begrabenes iPhone, sieht aber

in ihrem Kokon sehr elegant aus. Viele von solch eigensinnigen Widerständlern hat Arndt versammelt: Joseph Beuys, Janis Kounellis und Rebecca Horn. Und Zero-Künstler, wie Heinz Mack und Otto Piene, die dem Licht auf der Spur waren. Dem alltäglichsten, flüchtigsten und wunderbarsten Medium überhaupt. (Bis April 2012, Potsdamer Str. 96, Schöneberg)

Die lächerliche Belanglosigkeit der Kunst ist auch das Thema von Anna und Bernhard Blume. Wenn sie sich in ihrer Kölner Küche fotografieren, können dabei schon mal die Kartoffeln durch die Luft sausen, wie eine Flotte seltsamer Raumschiffe. Bernhard Blume ist leider vor zwei Monaten gestorben. So gerät die Ausstellung in der Buchmann Galerie, die die Blumes noch gemeinsam geplant haben, zur unfreiwilligen Hommage. Lebensgroße Schwarzweiß-Fotografien sind zu sehen. Anna Blume levitiert wie eine Astronautin schwerelos in einer konstruktivistischen Galerieausstellung herum. Ihr Mann zieht sich derweil die Mütze ins Gesicht und verduftet mit einer weißen Gipskugel unter dem Arm, als hätte er gerade die Mona Lisa mitgehen lassen.

Ich mochte diese Bilder sehr. Weil sich die Blumes in ihrer Unernsthaftigkeit so extrem ernst nehmen, dass es schon wieder richtig komisch wird. (Bis 14. Januar, Charlottenstr.13, Kreuzberg)

Jeden Sonntag schreibt Tim Ackermann, Kunstkritiker der Berliner Morgenpost, über Berlins Galerien