Berliner Festspiele

Die Lücken füllen, die Shakespeare offen ließ

Dachtet ihr, ich sei schwach?, fragt Desdemona, die Gattin von Shakespeares schwarzem Heerführer Othello. Fragil wirkt die junge Frau (Tina Benko) in ihrem langen weißen Kleid. Doch weit gefehlt: Sie hat das Herz einer Amazone. Ihre Willensstärke versteckt sie nur, weil eine Frau im Venedig des 16. Jahrhunderts fügsam sein muss.

In Shakespeares Tragödie ist Desdemona fast stumm. Verteidigt sich kaum, als ihr vor Eifersucht rasender Mann sie erdrosselt. Der Intrigant Jago hat ihm Zweifel an ihrer Treue eingeflüstert, und unter Soldaten gilt ein Wort mehr als unter Eheleuten. Im Shakespeare-Kommentar der Literaturnobelpreisträgerin Toni Morrison darf Desdemona im zeitlosen Jenseits nun ihre Version der Geschichte erzählen. Morrisons Bühnentext füllt die Lücken, die der Barde ließ. Er handelt von einer Liebe zwischen den Kulturen, von einer Frau, die sich mit der Wahl des Mannes gegen ihre Eltern auflehnt, und von gesellschaftlichen Zwängen. Inszeniert hat das Stück der internationale Regiestar Peter Sellars.

Sprache und Musik stehen ganz für sich. Die Schauspielerin Tina Benko spricht in wechselnde Mikrofone, setzt sich, steht auf, wenn sie berichtet, wie sie sich in Othello verliebte. Ihre Augen strahlen. Noch als die Sängerin Rokia Traoré und ihre Musiker ein Lied anstimmen, spiegeln sich Liebeslust und -leid in Benkos expressiver Mimik. Mit Abenteuergeschichten von paradiesischen Inseln, der Kriegskunst der Amazonen und seinem drogeninduzierten Mut als Kindersoldat gewinnt der Schwarze die Weiße. Stolz reckt Benko den Kopf, und Traoré singt Heroisches: Bring' mir die Schädel der Besiegten, um damit einen Thron zu bauen. Afrikanisch sind die Instrumente und die Klänge; Traoré stammt aus Mali. In "Desdemona" verbindet die Figur der schwarzen Amme Barbary Afrika und Europa. Bei Shakespeare wird sie nur erwähnt. Doch dass Desdemona mit afrikanischen Mythen und Melodien aufgewachsen sein könnte und in Othello das faszinierend Fremde liebt, reizte Morrison und Sellars.

Ihre Version ist nicht frei von Exotismen, obwohl sie auf politische Korrektheit setzt. So korrigiert Traoré als Barbary Desdemonas Geschichte: Nicht ihre beste Freundin sei sie gewesen, sondern ihre Sklavin. Barbary bezeichnete im elisabethanischen England pauschal das fremde Afrika. Immer mehr Stimmen kommentieren Desdemona - Othello, Jagos Frau, die Mutter. Unüberwindbare Differenzen brechen auf, zwischen Schwarz und Weiß, Mann und Frau - und der vielversprechende atmosphärische Abend zerrinnt in Beliebigkeit. Am Ende harmonisiert der Eine-Welt-Kitsch alle Unterschiede: Wie um ein Lagerfeuer gruppiert, beschwören die Frauen die Kraft der Natur und der Gemeinsamkeit. Wenn es noch keinen globalen Frieden gibt, so der Text, dann nur, weil wir ihn uns nicht vorstellen. Das ist dann doch zu schwach.